digitale Transformation

Gastbeitrag Datendeal statt Datenklau – Warum wir Facebook dankbar sein sollten

Es braucht dringend Regularien: Daten gehören denen, die sie hergeben – und nicht denen, die sie archivieren.
  • Jochen Adler
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"Wir sollten schnellstmöglich sicherstellen, dass die Daten auch künftig denen gehören, die sie hergeben, und nicht denen, die sie archivieren", sagt unser Gastautor Jochen Adler, Manager beim kanadischen Software-Unternehmen OpenText. Quelle: Getty Images
Wem gehören unsere Daten?

"Wir sollten schnellstmöglich sicherstellen, dass die Daten auch künftig denen gehören, die sie hergeben, und nicht denen, die sie archivieren", sagt unser Gastautor Jochen Adler, Manager beim kanadischen Software-Unternehmen OpenText.

(Foto: Getty Images)

Man sollte Facebook dankbar sein. Selten wurde so viel über Datenschutz diskutiert wie im Moment. Nach der anfänglichen Euphorie über die demokratisierende Wirkung von Sozialen Medien, herrscht nun Katerstimmung.

Wer erinnert sich nach sieben Jahren Krieg noch daran, dass der arabische Frühling damals von Twitter und Facebook eingeläutet wurde? Die Trümmer in Syrien und der digitale Großmogul Mark Zuckerberg, der sich vor dem Kongress rechtfertigen musste, entstammen derselben Büchse der Pandora.

Manche Menschen erwägen ernsthaft, sich wieder in die altbekannte analoge Welt zurückzuziehen. Andere schauen wie Goethes Zauberlehrling entgeistert auf die stetig wachsende Datenflut, die zu Manipulation und Überwachung geradezu einlädt: Die Geister, die wir riefen, wie werden wir sie los?

Jochen Adler ist Manager Solution Consulting beim kanadischen Software-Unternehmen OpenText. Adler befasst sich seit den 1990ern damit, wie aus losen Informationen richtungsweisende Erkenntnisse werden, wie sich Kunden- und Konsumentenerwartungen wandeln, wie Digitaltechnologie unser Leben zum Besseren verändert.
Der Autor

Jochen Adler ist Manager Solution Consulting beim kanadischen Software-Unternehmen OpenText. Adler befasst sich seit den 1990ern damit, wie aus losen Informationen richtungsweisende Erkenntnisse werden, wie sich Kunden- und Konsumentenerwartungen wandeln, wie Digitaltechnologie unser Leben zum Besseren verändert.

Die aktuelle Diskussion kreist jedoch meist um die falsche Frage. Die meisten Experten reduzieren sich auf Tipps für Verbraucher, nach dem Motto: Selbst schuld, wer da mitmacht. Doch so wenig eine Frau im Minirock schuld ist, wenn sie vergewaltigt wird, so wenig sind Facebook-Nutzer verantwortlich dafür, dass möglicherweise der amerikanische Wahlkampf manipuliert wurde. Solches „Victim Blaming“ geht am Kern des Problems vollkommen vorbei. Denn selbst wer soziale Medien gar nicht nutzt, ist nicht in Sicherheit.

Die Spuren, die unsereins im Internet hinterlässt, gehen weit über das Zuckerberg-Imperium hinaus: Wem habe ich wann eine Mail geschickt? Mit wem wie lange telefoniert? Wie oft von wo an wen eine SMS geschickt? Und selbst wenn ich all das nicht tue: GPS-Koordinaten an Smartphone-Fotos, algorithmische Erkennung von Gesichtern, Videoaufzeichnungen an Geldautomaten oder Verkehrsknotenpunkten, Daten in Supermarktkassen, Versicherungen, Behörden.

Wenn man all unsere „Spuren im Netz“ verknüpft und auswertet, lassen sich weitreichende Erkenntnisse über unser Privatleben gewinnen – ganz ohne monopolistische „Datenkrake“ und ganz ohne kriminelle Energie. Da muss nichts „gehackt“ werden.

Allerorten sind die Zutaten, verharmlosend als „Metadaten“ bezeichnet, für das digitale Frankenstein-Labor verfügbar: Wer ein eindeutiges Schlüsselkriterium auswertet, das eine Person identifiziert, kann personenbezogene Daten aus mehreren Quellen zusammensetzen. Es entsteht ein „digitaler Zwilling“.

Genau das gibt Cambridge Analytica vor, getan zu haben. Auf Facebook wurde „nur“ die individuell optimierte Werbung ausgespielt; die personenbezogenen Daten dahinter kamen aus Dutzenden verschiedenen Quellen.

Unverhohlen zeigte Alexander Nix, der CEO von Cambridge Analytica, schon 2016 die Viefalt seiner Big-Data-Quellen bei einem Vortrag. Das mag Prahlerei sein, wie mancher Experte munkelt. Aber machbar ist solche Auswertung von „Big Data“ natürlich schon – und wenn nicht jetzt, dann eben bald.

Der Knackpunkt: Heutige künstliche Intelligenzen gehen nicht mehr nach vom Programmierer vorgegebenen Regeln vor (wenn Zustand A, dann Reaktion B) sondern erkennen selbsttätig Muster und Zusammenhänge in gigantischen Datenmengen. Die Rechenkapazität, die der Menschheit zur Verfügung steht, verdoppelt sich derweil etwa alle zwei Jahre.

Anders gesagt: die Preise fallen. Damit ergeben sich heute bereits Auswertungsmöglichkeiten, an die vor vier Jahren nicht zu denken war. Und wer weiß, was in weiteren acht Jahren möglich sein wird?

Statt uns jetzt wechselseitig mit Utopien und Dystopien Schauder des Glücks oder der Angst über den Rücken zu jagen, sollten wir den Risiken und Chancen dieser digitalen Möglichkeiten rational ins Auge blicken: Auf der einen Seite können wir aus solchen Kombinatorik-Analysen nützliche Potenziale schöpfen, etwa um Grippewellen vorherzusagen und Impfstoffe bereitzustellen oder den öffentlichen Nahverkehr zu verbessern.

Auf der anderen Seite müssen wir schädliche Auswirkungen eindämmen, nämlich psychologische Wahlmanipulation oder unsoziale und rassistische Effekte bei der Krankenversicherung frühzeitig durch geeignete Regulierung unmöglich machen. Es geht dabei nicht um die amerikanischen Tech-Giganten mit den plakativen Aktienkursen, sondern auch um die zahlreichen anonymen Datensammler, die sich im global-digitalen Ökosystem tummeln.

Es geht nicht mehr ums Ob, sondern ums Wie! Die zentrale Herausforderung der Gegenwart lautet: Wie können wir die Anbieter von Plattformen und Analysen an ethisch-moralische Standards binden, und zwar effektiv, trotz galoppierender technischer Entwicklung?

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