„Dirigieren und Führen“
Als ein Maestro Demut lernte

Gibt es das: die Kunst der Führung? Ein rundes Dutzend engagiert Takt klatschender Manager hat sich an einem heißen Nachmittag im Forum der Berliner Philharmonie versammelt, um der Frage auf den Grund zu gehen. Bei „Dirigieren und Führen“ beweist sich, dass Unternehmenslenker von den Erben Bernsteins sehr viel lernen können.

BERLIN. Die Manager versuchen an diesem Nachmittag in der Berliner Philharmonie einen Pianisten nach ihrem Klatschmarsch zum Spiel zu bewegen. „Dirigieren und Führen“ heißt das Experiment, die Herrschaften bereiten sich auf den großen Morgen danach vor, die Stunden, in denen sie ein Orchester erstmals in ihrem Leben live dirigieren dürfen.

„Herrscher der Welt“ hat Elias Canetti über den Dirigenten im Konzert geschrieben. Gut möglich, dass das Bild des allmächtigen Machers, der ein Ensemble von 100 Virtuosen mit einem winzigen Fingerzeig zu einem künstlerischen Willen formt, gerade in Krisenzeiten fasziniert. Eine Reihe von Dirigenten hat das Thema publizistisch aufgegriffen, etwa der Deutsche Christian Gansch, zuletzt der Israeli Itay Talgam. Aber was bedeutet Führung in der Dreifaltigkeit aus Publikum, Dirigent und Orchester wirklich? Und vor allem: Kann man davon fürs richtige Leben lernen?

In der Philharmonie beobachten zwei Männer die von ihnen verursachte Versuchsanordnung für musikalisch geprägte Führungskultur: Manfred Harnischfeger, PR-Manager des Jahres 2008, und Gernot Schulz, Dirigent und Musikpädagoge aus Berlin. „Ich habe bei Reinhold Mohn gelernt“, sagt Harnischfeger. Bis vor kurzem war er Kommunikationschef der Deutschen Post, am Anfang seiner Laufbahn ist er beim Bertelsmann-Patriarchen in die Management-Schule gegangen. Da soll es manchmal ziemlich unharmonisch laut geworden sein, aber dies ist eine andere Geschichte.

Mohns Leitmotiv sei immer das Thema Führung gewesen, sagt Harnischfeger. Musikalisch gesehen kommt er selbst von der Geige. Auf dem Dachboden hatte der Vater eine Fidel gefunden, fürs Klavier reichte nach dem Krieg das Geld nicht. Zum Virtuosen hat es Harnischfeger nie gebracht, nach dem Abi war Schluss. Es folgten Uni, Bertelsmann, privater Hörfunk, die Post. Dennoch, die Musik hat ihn nie losgelassen, seit zwei Jahren übt er wieder.

„Von niemandem bekommen Sie Ihren Führungsstil so unmittelbar gespiegelt wie von einem Orchester“, sagt Dirigent Schulz. Er kennt Simon Rattle, Gott und die Welt und ist Assistent von Georg Solti gewesen. Heute dirigiert und lehrt er bevorzugt in Berlin. Vor einem Jahr hat er Harnischfeger kennengelernt, am Rande eines Führungsworkshops, der eigentlich einen Trommelkursus zur Abwechslung bieten sollte. Schulz hat aber statt der Pauken das Rias-Sinfonieorchester aufmarschieren lassen für die Manager vom Paketversender DHL. Die haben ein wenig Takt geschlagen, Harnischfeger war trotzdem begeistert, das war der Auftakt. Seither hat die Idee die beiden so unterschiedlichen Naturen nicht mehr losgelassen.

Die Berliner Philharmonie ist ein Tempel der Musik, architektonisch eine moderne Sinfonie in Glas, Holz und Beton, etwas schräg, doch berauschend: als klinge aus jeder Ecke der Geist Rattles, als spüre man Karajan. Wer hier Dirigieren und Führen übt, der hat so viel Tradition um sich, dass es manchmal zu viel sein kann.



Die Herren Schulz und Harnischfeger haben sich ausgerechnet die Fünfte Sinfonie Beethovens als Objekt der nachmittäglichen Übungsstunde mit dem Pianisten einfallen lassen. Nun wartet der Repetitor am Flügel auf den Einsatz von Tobias Gerlach. Im richtigen Leben ist Gerlach Direktor im Berliner Büro der Kommunikationsberater von Deekeling Arndt Advisors. Gerlach ist groß gewachsen, hat eine hohe Stirn. Auf deren Höhe ungefähr pflegt er mit dem Taktstock zu fuchteln, als sei er bei Arturo Toscanini in die Schule gegangen. Wohin aber mit den ekstatisch erhobenen Zeigern, wenn Beethovens Fünfte auf dem Notenständer liegt?

Harnischfeger und Schulz haben sich ein paar Leitsätze einfallen lassen, die der Dirigent, derweil die Probanden so tun, als könnten sie dirigieren, immer wieder in die praktischen Vorführungen einflicht wie ein zweites Thema. Man müsse ganz bei sich sein als Dirigent, zentriert und konzentriert, um dann im entscheidenden Moment loszulassen.

Beethovens Humor hat etwas Hinterfotziges, das mag auch mit seiner zunehmenden Taubheit zusammenhängen. Jeder kennt die Fünfte Sinfonie, ba ba ba baaa. Als er sie komponiert, hat es der Meister schon auf den Ohren. Den Beginn des Stücks markiert keine Note, sondern eine kleine Pause. Von wegen Trara und Loslassen, der Anfang ist öd und leer. Karajan hat daraus, die Hände zitternd gen Boden richtend, einen Akt explosiver Spannung gemacht. Gerlach dirigiert – wie alle anderen Probanden – ins Nichts. „Im ersten Moment ein Alptraum“, sagt er.

Denn für einen scheinbar ewig langen Augenblick tut sich nichts beim Pianisten, der setzt erst mit Zeitverzögerung ein. Die Verblüffung beim Lehrling ist derart gewaltig, dass die Spannung irgendwo zwischen Empore und Potsdamer Platz entschwunden ist, ehe die Musik beginnt. Beethoven fällt mit dem Dirigenten in ein Loch, sozusagen.

„Vielleicht ist die Fünfte doch zu viel verlangt zu Beginn“, sinniert Dirigent Schulz und ahnt in diesen Augenblicken wohl, welch großes Experiment er begonnen hat. Der Weg ist weit, wenn Dirigieren Führungskunst bedeutet, dann als Prozess, der mit der Autorität der Person aus strengem Notentext, einem hochdisziplinierten Ensemble und großer Spannung spielerische Freiheit erschafft. Wer das aber einmal nur erlebt hat, der wird das nicht mehr vergessen – hoffen jedenfalls die Initiatoren. Tobias Gerlach ist die Freude nach Beethoven nicht vergangen, Schubert wartet, der versonnene Beginn der Achten Sinfonie – noch mit dem Klavier-Repetitor.

Bei Canetti ist der Dirigent absoluter Herr im Konzertsaal. Torsten Oltmanns, Partner bei Roland Berger, hält dagegen: „Der Dirigent als Alleinherrscher? Nichts ist weiter weg von der Wirklichkeit“, sagt der Hamburger, der sich eine „defizitäre Affinität“ zur Musik bescheinigt. Er hat in den vergangenen Monaten über dem Dirigenten-Thema gebrütet, hat mit vielen Orchestermusikern gesprochen, sie haben ihm so manches Geheimnis offenbart. Eines lautete: „In der Probe haben wir gespielt, wie er es wollte. Im Konzert spielen wir wie immer.“

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