Dr. Bernhard Seitz ist Assistant Professor for Corporate Citizenship am Stuttgart Institute of Management and Technology (SIMT)
Bernhard Seitz: Unternehmerisches Handeln ist a priori moralisch wertvoll

Wirtschaftethik sollte das Vertrauen in sich selbst lehren und nicht die Exkulpation des Einzelnen durch Leistung eines Eids predigen, glaubt Dr. Bernhard Seitz, Assistant Professor for Corporate Citizenship am Stuttgart Institute of Management and Technology (SIMT).

Enron, Worldcom, FlowTex. Selbstbedienungsmentalität, Korruption, Diskriminierung. Die Diskussion um das Verhältnis von Unternehmen und Gesellschaft, um die Qualität von Managern und Managemententscheidungen nimmt sich krisenhafte Erscheinungen zum Ausgangspunkt. Entsprechende Diskussionsbeiträge landen dann, ausgehend von der krisenhaften Erscheinung, bei Handlungsvorschlägen, die durch Regelungen dem Entstehen der Krise einen Riegel vorschieben sollen. Die jüngst von Angel Cabrera in dieser Reihe erhobenen Forderung nach einem “hippokratischen Eid” für Manager kann bei einem etwas anderen Ansatz als ein Beispiel für dieses Vorgehen gelten.

Gerade weil man diese Mechanik der wirtschaftsethischen Diskussion erkennen und verstehen kann, ist es sinnvoll, hin und wieder an die a priori moralische Qualität wirtschaftlichen Handelns zu erinnern. Wirtschaftliche Aktivität bedeutet, Werte zu schaffen. Sie bedeutet in einem trivialen Sinn, Waren günstig einzukaufen, gegebenenfalls zu verarbeiten und möglichst teuer zu verkaufen. Genau diesem Kernprozess und damit auch der dahinter stehenden Motivation des Eigeninteresses kommt moralische Qualität zu. Denn ein günstiger Einkauf bedeutet nichts anderes als die Vermeidung von Ressourcenverschwendung und dies ist nicht zuletzt auch ein moralisches Gut. Ein teurer Verkauf bedeutet nichts anderes, als knappe Ressourcen jener Verwendung zuzuführen, durch die sie den höchsten Nutzen stiften. Auch dies ist, systematisch betrachtet, ein moralisches Gut.

Diejenigen, die diesen Nutzen stiftenden Prozess betreiben, werden motiviert durch ihr eigenes Interesse, das sie eben durch den gelungen Ein- und Verkauf realisieren. Und so ergibt sich aus gelungenen wirtschaftlichen Interaktionen ein moralisch hoch zu bewertendes Ergebnis, denn alle Beteiligten, die Lieferanten ebenso wie die Kunden und der Unternehmer, verwirklichen sich und ihre Ziele in einem besseren Maße als ohne die Interaktion. Das Vorteilsstreben aller Beteiligten ist der Motor, der diesen Prozess des Fortschritts vorantreibt, und daher ist es auch grundsätzlich als ethisch wertvoll einzustufen. Der vom Eigeninteresse angetriebene Manager handelt in der Regel moralisch wertvoll. Eine gründliche Analyse wirtschaftsethischer Fragen muss von diesem Satz ausgehen, an den sich natürlich manch schwerwiegendes “aber” anschließt, der aber dennoch den Grundcharakter wirtschaftlichen Handelns zutreffend beschreibt.

Verfehlungen bleiben möglich, auch und gerade wenn man diese grundsätzlich positive Sicht wirtschaftlicher Interaktionen teilt. Die Frage bei der Bewertung der Probleme ist, ausgehend von der beschriebenen Perspektive, ob diese Probleme Ausdruck einer gesellschaftlichen Fehlsteuerung sind oder nicht: Handelt es sich um die zu erwartenden Begleiterscheinungen eines insgesamt bestmöglichen Fortschrittsprozesses oder um Gefährdungen des Fortschritts an sich? Die Fragestellung verschiebt sich damit weg vom Einzelfall. Sie bezieht sich nicht mehr in erster Linie auf den Fall Enron oder FlowTex, sondern auf die generellen Bedingungen für wirtschaftliche Aktivität. Und schon bei einer nur oberflächlichen Analyse müssen dann die Börsenskandale der jüngsten Vergangenheit ins Verhältnis gesetzt werden zur allgemeinen Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte. Wenn der Dow-Jones-Index sich trotz des Rückgangs in den letzten drei Jahren von 1047 Punkten Ende 1982 auf immer noch 8342 Punkte Ende 2002 entwickelt hat, müssen wir dann nicht auch eine ähnliche Entwicklung der Skandale erwarten? Und ist dann, auf Deutschland bezogen, unserer wirkliches Problem nicht, dass wir viel zu spät, nämlich erst im Verlauf der neunziger Jahre, auf den Shareholder-Express aufgesprungen sind?

Aus problematischen Einzelfällen müssen natürlich Konsequenzen gezogen werden. Mit Blick auf den Fall Enron heißt das zum Beispiel: Wie kann sichergestellt werden, dass ein schädliches, aber im Großen und Ganzen vermutlich legales Handeln in Zukunft strafrechtlich geahndet werden kann? Mit Blick auf die Betrugsfälle am Neuen Markt müssen im Detail und mit Sachkenntnis zum Beispiel die Regelungen der Börsenzulassung verändert werden. Aufgabe einer systematisch ansetzenden Wirtschaftsethik ist, daran zu erinnern, dass diese Konsequenzen auch tatsächlich vollzogen werden. Die Einzelfälle dienen darüber hinaus als Anlass, die Frage nach der Systemsituation zu stellen.

Eine systematische Betrachtung des heutigen Wirtschaftslebens führt dazu, mit Forderungen nach fundamentalen Veränderungen vorsichtig zu sein und sie, wenn sie erhoben werden, systematisch zu begründen. Der Grund für ein wirtschaftsethisches Element in der Managerausbildung liegt zum Beispiel nur am Rande im konkreten Fall Enron. Ursächlich für eine solche Integration sind vielmehr fundamentale gesellschaftliche Entwicklungen bzw. Zusammenhänge, so zum Beispiel die größere Bedeutung informeller oder intangibler Werte, die generelle Komplexitätszunahme in der Gesellschaft, die zunehmenden Kosten einer externen Regeldurchsetzung und, damit verbunden, der stärkeren Notwendigkeit der Selbstkontrolle und Eigenverantwortung. Angehende Manager müssen geschult werden für den produktiven und leistungsfähigen Umgang mit diesen neuen oder veränderten Bedingungen. Kennen sie die entsprechenden Methoden und Konzepte nicht, so wird sich dies nachteilig auf die Wettbewerbssituation ihrer Unternehmen auswirken.

Teilt man die beschriebene, systematische Sicht, so ist es schon beachtlich, wie leichtfüßig Angel Cabrera die Forderung nach einem hippokratischen Eid für Manager begründet. Man stelle sich vor, ein “Eid”, eine Verpflichtung, die sich historisch auf die Rechenschaft vor Gott bezogen hat, als Steuerungsmittel für die kulturübergreifende Wirtschaft des 21. Jahrhunderts! Eingefordert von allen Führungskräften der Wirtschaft dieser Welt als persönliche Verpflichtung auf bestimmte Inhalte! Womit begründet Cabrera diese massive und inhaltlich antiquiert erscheinende Forderung? Letztlich verweist Cabrera auf einige Gedankensplitter, die aus der Diskussion in einer Arbeitsgruppe im Rahmen des World Economic Forums hervorgegangen sind. Inhaltlich diskutiert er keine gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Entwicklungen, ja noch nicht einmal Aufsehen erregende Skandale, sondern zieht nichts weiter als eine Analogie zum hippokratischen Eid der Mediziner.

Eine durch nichts legitimierte, vermutlich zufällig zusammengekommene Gruppe nicht nachvollziehbarer Qualifikation maßt sich auf dieser Basis dann an, eine persönliche Verpflichtung aller Führungskräfte der Wirtschaft dieser Welt einzufordern? Und glaubt, dass die Gegenposition hierzu nur im Friedman’schen Argument der Gewinnorientierung als Realisierung der Freiheitsnorm liegt? Ist, um seiner Forderung mit gleichem moralischen Bombast zu entgegnen, die Position Cabreras, ihre Begründung und Entstehung nicht genau Ausdruck der Hybris einer abgehobenen globalen Wirtschaftskaste, die sich ihren Reichtum nun auch noch mit einem “Eid”, einem ethisch überhöhten Moralkodex, veredeln lassen will? Ganz so wie die Eliten zahlloser Regime in der Menschheitsgeschichte? Auf dass der globale und mit einem Eid versehene Manager seine “eidlosen” Kollegen, die in der Wirtschaftspraxis vielleicht auch noch viel erfolgreicher sind, verachten kann?

Ist es nicht die wahre Pflicht eines Ethikers angesichts solcher Anmaßung, daran zu erinnern, dass das Wissen, nichts zu wissen, das wertvollste Wissen ist? Und dass jede Person ein Zweck an sich selbst ist und daher auch, wenn schon nichts anderes, so doch wenigstens zunächst einmal das Recht auf einen eigenen Weg hat? Wie kommt eine Gruppe im schönen Davos sitzender, hochbezahlter Manager und Professoren dazu, dem Leiter einer Kakaoplantage in Westafrika moralische Vorschriften zu machen, sollte dieser ein nicht-eidkonformes Verhalten als richtig ansehen? Und wenn wirtschaftlicher Erfolg, wie zu erwarten, wenig mit der Leistung eines Eids, der ohnehin bald zum leeren Ritual würde, zu tun hat, was dann? Hat dann die Floskel eines Eids Vorrang vor dem wirtschaftlich Richtigen?

Nach meiner Auffassung ergibt sich die mangelnde Präzision der Forderung aus der Herangehensweise. Weil unsystematisch und unterkomplex angesetzt wird, muss mit tausend Kanonen geschossen werden, obwohl es vielleicht nur eines Scharfschützen bedarf. Gewiss, der Kanonenhagel fliegt schon irgendwie halbwegs in die richtige Richtung, wie aus dem oben angedeuteten Argument der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen gefolgert werden kann. Aber Lateralschäden gilt es eben auch in Fragen der wirtschaftlichen Steuerung so gut als möglich zu vermeiden. Wirtschaftsethik sollte hier, wie auch sonst, zur Präzision auffordern. Ebenso wie vor Verfehlungen warnen, sollte sie zum wirtschaftlichen Handeln ermutigen. Sie sollte lehren, Sachverstand und Detailkenntnis zu schätzen. Und zuletzt mag man daran erinnern, dass die ethisch ausgezeichnete Position in aller Regel die Vereinfachung ablehnt und Differenzierung verlangt - auf dass jedem das Seine zuteil werde. Wirtschaftethik sollte das Vertrauen in sich selbst lehren und nicht die Exkulpation des Einzelnen durch Leistung eines Eids predigen.

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