Dr. Dr. Alexander Brink ist Professor an der Uni Bayreuth
Alexander Brink: Moralischer Sensibilisierung förderlich

Entwicklungen in den USA, zunehmende Professionalisierungstendenzen und Leitbilddiskussionen in Deutschland, aber auch Bemühungen individualethische Elemente zu betonen, stärken nach Ansicht des Professors an der Uni Bayreuth das Argument, einen Code of Conduct einzuführen.

US-amerikanische Top-Manager legen einen Eid auf Bilanzen und Unternehmenszahlen ab. Knapp 1000 Führungskräfte der umsatzstärksten Publikumsgesellschaften versuchen damit, das verloren gegangene Vertrauen in die Märkte zurückzugewinnen. Aber werden sie nicht dadurch gezwungen, etwas zu „beschwören“, das doch eigentlich selbstverständlich sein sollte: die Wahrheit sagen, den Anspruchsgruppen keine wichtigen Informationen verschweigen, die Versprechen halten? Außerdem: Warum sollen Manager erst dann „vereidigt“ werden, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist und wenn ein solcher Eid nicht mehr glaubwürdig erscheint? Nunmehr fordert auch Angel Cabrera einen Hippokratischen Eid für Manager.

Eide – wie etwa der Eid des Philosophen und Mediziners Hippokrates – werden traditionell nur für professionalisierte Berufe abgelegt: hier ist der Prinzipal (Patient, Mandant etc.), also der Auftraggeber, stark abhängig vom Agenten (Arzt, Rechtsanwalt etc.). Management ist jedoch keine Profession. Nichtsdestoweniger macht ein solcher Eid – sofern er freiwillig abgelegt wird – auch für Manager Sinn. Langfristig hängt nämlich der Erfolg eines Unternehmens und damit auch der generierte Shareholder-Value von der Bewertung und Einschätzung durch die Anspruchsgruppen ab. Was passiert, wenn dieses Vertrauen und die damit verbundene Glaubwürdigkeit in Menschen bzw. in deren Führungs- und Steuerungskompetenz erschüttert wird, zeigen die Skandale bei Enron, Worldcom und Xerox.

In Deutschland hat man bisher einen anderen Weg beschritten: unter der Leitung von Dr. Cromme hat eine Kommission einen so genannten Corporate-Governance-Kodex erarbeitet: Comply-Or-Explain heißt der Sanktionsmechanismus – stimme zu oder erkläre (und begründe!) mögliche Abweichungen. Ich halte den Corporate-Governance-Kodex aus institutionenökonomischer und institutionenethischer Sicht für sehr wichtig und notwendig. Aber der Kodex sichert noch kein moralisches Verhalten. Hier verpflichtet sich nämlich das Unternehmen, nicht die Person. Moral ist aber auch immer eine höchst persönliche Angelegenheit. Schließlich – und das ist ein weiterer Kritikpunkt – ist der Kodex in seiner jetzigen Form betriebswirtschaftlich und juristisch geprägt, gesellschaftspolitische Inhalte fehlen.

Vorstand und Aufsichtsrat werden sich – davon bin ich überzeugt – weder über einen erzwungenen Eid noch über einen Corporate-Governance-Kodex sagen lassen, was sie zu tun oder zu lassen haben: aber sie könnten es freiwillig zum Beispiel über einen Code of Conduct tun. Zusammen mit dem Deutschen Managerverband wird daher ein Management Code of Conduct (MCC) für den Mittelstand entwickelt, der Mitte nächsten Jahres verabschiedet werden soll. Wie der Mittelstand darauf reagieren wird, ist abzuwarten. Die Unterzeichner des MCC sollen im Internet veröffentlicht werden.

Aber – und damit komme ich zum Punkt – man sollte auch daran denken, diese Gedanken – gewissermaßen präventiv – den Jungmanagern nahe zu legen. Insbesondere Nachwuchsführungskräfte könnten an einer freiwilligen Selbstverpflichtung Interesse haben. Und die Nachwuchs-Elite will das auch: die Generation des Manchester-Kapitalismus und der unreflektierten Gewinnorientierung bzw. Gewinnmaximierung à la Milton Friedman wird gerade abgelöst: durch eine junge Generation, die sich zunehmend mit gesellschaftskritischen Fragen innerhalb einer sozialen Marktwirtschaft befasst. Entwicklungen in den USA, zunehmende Professionalisierungstendenzen und Leitbilddiskussionen in Deutschland, aber auch Bemühungen – ergänzend zur erwähnten Corporate-Governance-Diskussion – individualethische Elemente zu betonen, stärken das Argument, einen Code of Conduct einzuführen. Schließlich würde die präventive und freiwillige Anerkennung eines Code of Conduct intrinsisch motivieren und daher selbststeuernd wirken.

An der Universität Bayreuth möchte ich daher gerne zusammen mit Professoren und Studierenden im kommenden Sommersemester 2004 einen Code of Conduct für Absolventen des Studienganges Philosophy & Economics erarbeiten. Seit dem Wintersemester 2000/2001 gibt es diesen gestuften und integrativen Studiengang. Ziel ist es insbesondere, Studierende auf schwierige Entscheidungssituationen vorzubereiten und ihnen eine Hilfestellung zu geben, diese mit analytischer Grundsätzlichkeit anzugehen. Denn die gesellschaftlichen Probleme sind komplex. Und dabei spielen moralische Prinzipien eine wichtige Rolle. Unternehmerische Entscheidungen haben nämlich immer auch moralische Implikationen.

Neben einem ökonomischen und einem philosophischen Baustein bildet der so genannte Verzahnungsbereich das Herzstück des Studienganges. Verzahnungsseminare sind fester Bestandteil unseres Curriculums. Die Wirtschafts- und Unternehmensethik ist damit ein wichtiges Element in der Ausbildung der jährlich ca. 60 handverlesenen Studierenden, die sich über ein Eignungsfeststellungsverfahren für diesen in Deutschland einzigartigen Studiengang qualifiziert haben. Sie werden zukünftig in den Führungsetagen der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft maßgeblich mitbestimmen. Ähnlich wie an angloamerikanischen Universitäten in Oxford oder Cambridge etwa, wird die Bedeutung einer Zusammenführung von Philosophie und Ökonomie hier frühzeitig erkannt. Im letzten Monat wurde der Studiengang vom Stifterverband der deutschen Wissenschaft als einer der vier innovativsten der mittlerweile 1.500 Bachelor- und Master-Studiengänge ausgezeichnet und mit 300.000 Euro prämiert.

Die Erfahrungen der vergangenen drei Jahre mit Philosophy & Economics sollen – so meine Hoffnung – in den Code of Conduct eingebracht werden. Die Absolventen könnten dann freiwillig, also im Sinne einer freiwilligen Selbstverpflichtung, dieses „Gelübde“ zum Beispiel bei der Übergabe ihrer Zeugnisse feierlich ablegen. Erste Gespräche mit Studierenden weisen darauf hin, dass sie ein starkes Interesse daran haben. Auch von professoraler Seite gibt es bereits erste positive Signale.

Wie ein solcher Code of Conduct aussehen könnte, ist noch offen. Die Implementierungsprobleme sind jedoch bekannt: Wer bestimmt die Inhalte des Eides? Wie lange hat der Eid Gültigkeit? Wie verhindert man die Formulierung von Allgemeinplätzen? Was sind die relevanten moralischen Kriterien? Wählt man inhaltliche oder formale Normen? Wird es Soll-, Muss- und Kann-Vorschriften analog zum Corporate-Governance-Kodex geben? All dies soll nicht „vorgegeben“, sondern gemeinsam mit unseren Studierenden entwickelt und wissenschaftlich begleitet werden.

Ich glaube fest daran, dass unsere Absolventen einen solchen Eid gerne ablegen werden. Externe Sanktionen werden wir dafür nicht brauchen: ich würde sie sogar ablehnen, nicht zuletzt, weil Vertrauen, Fairness und Anerkennung in der Regel sowieso nicht justiziabel sind. Dieses Feld übergeben wir damit nicht den Juristen, sondern halten es in der Wirtschafts- und Unternehmensethik. Über den Eid geben die Absolventen freiwillig ein Versprechen ab: gegenüber der Öffentlichkeit, aber auch gegenüber sich selbst. Ich hoffe, dass wir gemeinsam einen solchen Code of Conduct entwickeln können. Es bleibt zu hoffen, dass eine präventive Orientierung an einem Code of Conduct die moralische Sensibilisierung von Managern und Institutionen fördern wird.

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