Dr. Wilhelm Friedrich Boyens ist Vorsitzender der Geschäftsführung Deutschland von Egon Zehnder International
Boyens: Beschwörungsformeln sind nicht die Lösung

So öffentlichkeitswirksam der Vorschlag eines Eides für Manager nach Ansicht von Wilhelm Friedrich Boyens auch ist, so wenig tragfähig erscheint er dem Vorsitzenden der Geschäftsführung Deutschland von Egon Zehnder International bei eingehender Reflektion.

Seit etwa zwei Jahren gelangen in regelmäßiger Folge Meldungen über Korruption, Betrug und Untreue in namhaften Unternehmen sowohl in den USA als auch in Deutschland an die Öffentlichkeit. Selbst Unternehmen wie Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und renommierte Kreditinstitute, die mit Blick auf ihre Reputation über alle Zweifel an ihrer Integrität und Redlichkeit erhaben sein sollten, stehen im Zwielicht. Fast täglich erreichen uns Nachrichten über vermeintliche oder tatsächliche Fehltritte von Spitzenmanagern und geben der anhaltenden Diskussion über Wirtschaft und Moral neue Nahrung.

Mit seinem Vorschlag, Führungskräfte sollten sich mit einem dem ärztlichen hippokratischen Eid vergleichbaren Gelöbnis öffentlich auf ethisches Verhalten verpflichten, hat der spanische Wirtschaftswissenschaftler Angel Cabrera dieser Diskussion einen neuen, interessanten Impuls gegen. Cabrera begründet seine Forderung vor allem mit einem Vergleich: Die Aufgabe eines Managers sei heute ebenso komplex und anspruchsvoll wie diejenige eines Arztes. Auch die Folgen seines Handelns für die Menschen und damit seine Verantwortung seien ebenso weit reichend wie bei einem Arzt oder Politiker.

So öffentlichkeitswirksam der Vorschlag auch ist, so wenig tragfähig erscheint er bei eingehender Reflektion. Zunächst setzt Cabrera bei seinem Vorschlag stillschweigend voraus, dass das Schwören eines Eides Ausdruck ethischer Lauterkeit sei. Tatsächlich ist das Schwören selbst seit jeher ethisch umstritten. Sowohl in der christlichen Tradition als auch in der Moralphilosophie werden Eid und Schwur sehr kritisch beurteilt. Doch selbst wenn man diese Frage einmal außer Acht läßt, erscheint ein Eid für Manager wenig praktikabel.

Zwar hat Cabrera mit der gewachsenen Verantwortung eines Spitzenmanagers und der Komplexität seiner Aufgabe durchaus Recht. Seine Analogie zum Beruf des Arztes oder Politikers trifft jedoch nicht zu. Beides sind im Kern ethische Berufe – ihr jeweiliger Daseinszweck ist eindeutig und auf ein klares Ziel ausgerichtet: bei dem einen steht die Gesundheit des Einzelnen im Mittelpunkt, bei dem anderen das Wohlergehen des Gemeinwesens. Diesen Zielen haben sich alle anderen Prioritäten im Zweifel unterzuordnen, einschließlich finanzieller Interessen – auch wenn die Praxis allzu oft leider anders aussieht. Der Manager dagegen steht in einem weitaus komplexeren Spannungsfeld unterschiedlicher Verantwortungen: er ist dem Unternehmen, seinen Anteilseignern, Mitarbeitern und Kunden ebenso verpflichtet wie der Gesellschaft. Er muss die damit verbundenen, oft ganz unterschiedlichen Interessen und Ziele in Einklang bringen. Dieser "Spagat" markiert den entscheidenden Unterschied zu Medizin und Politik und stellt eine enorme Herausforderung an jeden Manager dar, der für sich in Anspruch nimmt, ethisch zu handeln.

Ein Manager-Eid hätte nur dann einen Sinn, wenn er sich spezifisch auf das originäre Handlungsfeld des Managers bezöge, sonst wäre er beliebig und damit überflüssig. Zugleich muss ein Eid in seinen Zielen, Geboten und Sanktionen klar und eindeutig sein. So wie der hippokratische Eid das Ziel ärztlichen Wirkens definiert, – nämlich das Leben und die Gesundheit seines Patienten – und das Gelöbnis der Politiker diese dem Gemeinwohl verpflichten, müsste ein Manager-Eid die Spielregeln seines Wirkens klar bestimmen. Doch wie soll ein Eid den Erfolg eines Unternehmens definieren? Wem soll ein Manager was schwören, das nicht bereits in seinem Arbeitsvertrag, dem Strafrecht oder den Zehn Geboten niedergelegt ist?

Es hilft alles nichts: Unternehmensethik ist Chefsache. Nichts wirkt stärker in das Unternehmen hinein als vorbildliches Verhalten an der Spitze. Das Verhalten des Topmanagements in der täglichen Praxis sendet viel stärkere Signale aus als Eide oder schriftlich fixierte Ethikleitlinien. Auch ein Eid macht einen integeren Menschen nicht integerer noch verhindert er unlauteres oder gar kriminelles Verhalten. Besser als jeder Eid sind Transparenz und Konsequenz in der Unternehmensaufsicht. Der neue Corporate-Governance-Kodex in Deutschland ist dabei ein wichtiges Element. Wer ethische Grenzen verletzt, schadet über kurz oder lang seinem Unternehmen und seiner Karriere. Ethik ist ein Prüfstein jeder freiheitlichen Gesellschaftsordnung. Wer von seiner Freiheit keinen verantwortungsvollen Gebrauch macht, zerstört auf Dauer die Fundamente, auf denen er agiert.

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