Dreamliner
Die Stunde der Boeing-Ingenieure

Nach mehreren technischen Probleme bei der Entwicklung des neuen Langstreckenjets Boeing 787 soll Jim Albaugh die Verkehrsflugzeug-Sparte übernehmen und den "Dreamliner" endlich in die Luft bringen. Mit dem Wechsel ist die schleichende Machtübernahme der Ingenieure bei Boeing perfekt.

NEW YORK. Die fünfte Verzögerung des „Dreamliners“ war eine zu viel: Scott Carson (63) tritt als Chef der Verkehrsflugzeug-Sparte von Boeing zurück und macht ab sofort Platz für Jim Albaugh, der bisher die Militär-Sparte des US-Luftfahrtkonzerns leitete. Zwar beteuerte Boeing gestern, dass sich Carson auf eigenen Wunsch in den Ruhestand verabschiedet habe. Branchenexperten führen den Wechsel aber auf die anhaltenden technischen Probleme mit dem neuen Boeing-Langstreckenjet 787 zurück: Das ambitionierte Leichtbau-Projekt, das die Amerikaner im Duell mit Airbus wieder in die Führungsposition bringen soll, hat inzwischen fast drei Jahre Verspätung. In der Vorwoche segnete der Boeing-Verwaltungsrat einen neuen Zeitplan ab, der den Erstflug des „Dreamliners“ nun bis zum Jahresende 2009 vorsieht. In dieser Sitzung sei auch der Carson-Rücktritt „akzeptiert“ worden, wie es offiziell heißt.

Konzernchef Jim McNerney läutet mit der Berufung Albaughs einen kulturellen Wandel in der zivilen Luftfahrtsparte von Boeing ein. Der 59-jährige Ingenieur hat – im Gegensatz zum früheren Chefverkäufer Carson – weder Erfahrung im Umgang mit Airline-Kunden noch mit dem Vermarkten von Flugzeugen. Daran hat es beim lange Zeit gefeierten „Dreamliner“-Projekt mit seinen 850 Bestellungen schließlich nicht gefehlt. Albaugh soll vielmehr die technischen Probleme meistern helfen und die Serienproduktion des Langstreckenjets in Gang bringen. Luftfahrt-Analysten sind der Auffassung, dass die Ingenieure einen Durchbruch bei der 787 noch immer nicht geschafft haben. Es sei kein Zeichen der Zuversicht, wenn kurz nach Verkündung eines neuen Zeitplans der Chefposten ausgetauscht würde, sagte Cai von Rumohr von Cowen & Co.: „Wenn sie wirklich schon über den Berg wären, könnten sie doch die Ehrenrunde abwarten.“

Albaugh ist der ranghöchste, aber nicht der erste Ingenieur aus der Militär-Sparte, der zur Rettung des „Dreamliners“ die Seiten wechselt. 2007 wurde schon Pat Shanahan, der aus dem Bereich Raketenabwehr bei Boeing kommt, zum Leiter des 787-Programms ernannt. Im Jahr darauf setzte sich Scott Fancher an die ausufernden Probleme des Supervogels. Fancher hatte zuvor ebenfalls für den Bereich Integrated Defense Systems gearbeitet, der mit gut 30 Mrd. Dollar Umsatz etwas größer ist als die Verkehrsflugzeug-Sparte Boeings (28 Mrd. Dollar).

Mit dem Wechsel Albaughs ist die schleichende Machtübernahme der Ingenieure bei Boeing perfekt. Der Mann mit dem blonden Kurzhaarschnitt arbeitete als Präsident für Rocketdyne, einen Entwickler von Raketenantrieben, den Boeing 1996 aufkaufte. Nach einer Leitungsposition in der Raumfahrt-Abteilung wurde Albaugh 2002 Chef der Militär-Sparte.

Mit Blick auf technisch komplexe Programme sei Albaugh der Mann mit der meisten Erfahrung bei Boeing, sagte Konzernchef Jim McNerney. Allerdings ist die Karriere Albaughs nicht ohne Flecken: Schließlich stand die Militär-Sparte unter seiner Leitung mehrfach im Zentrum von Skandalen bei der Auftragsvergabe. 2006 wurde Boeing der Milliardenauftrag entzogen, die Air Force mit neuen Tankflugzeugen auszustatten: Konzernchef Phil Condit und Finanzchef Michael Sears mussten daraufhin gehen, Albaugh indes hielt sich im Amt.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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