Drogen-Tests in Firmen
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Möchten Sie von einem koksenden Banker bei der Geldanlage beraten werden? Oder von einem zugedröhnten Chirurgen operiert werden? Kaum. Doch die Zahl der Drogenkonsumenten steigt – auch bei der Arbeit. In den USA greifen Arbeitgeber ganz selbstverständlich zur Selbsthilfe und gehen offen damit um.

LOS ANGELES. Und auch zügig: So reichte ein anonymer Anruf, und die Firmenleitung von Keystone RV – einem Wohnwagen-Hersteller im US-Bundesstaat Colorado – legte kurzerhand die gesamte Fabrik für einen Tag lahm. Alle 220 Angestellten mussten sich nach Dienstantritt auf dem Innenhof des Unternehmens versammeln. Kleine Plastikbecher wurden verteilt. Anstellen zum Pipi-Test. Der Grund für diesen unangekündigten Drogentest? Ein Fabrikarbeiter hatte im Büro der Geschäftsführung gemeldet, dass mehrere Kollegen in der Mittagspause Marihuana rauchen würden. „Das ist für unsere Firma nicht akzeptabel“, erklärt Ken Julian, Personalchef von Keystone RV.

Das Ende vom Lied: Ein Viertel der gesamten Belegschaft wurde kurze Zeit später entlassen. Die Labortests hatten Spuren von Kokain, Marihuana und anderen Drogen gefunden. Eine Woche später waren 30 Teilzeitarbeiter eingesprungen, um die Produktion wieder hochzufahren. „Wir kriegen jeden Tag rund 70 Bewerbungen auf den Tisch. Da können wir uns unsere Belegschaft in Ruhe aussuchen“, so Julian. Und es half auch ein bisschen, dass kurz nach Bekanntwerden der Drogentest-Geschichte zusätzlich 2 000 Job-Bewerber anfragten.

Drogentests zählen in den USA schon seit Jahren zum Unternehmensalltag: Nike, Starbucks, Boeing sind nur einige von vielen Unternehmen, die zum Schutze der Gesamtbelegschaft und der Kunden ihre Mitarbeiter auf Drogen testen. In den 80er-Jahren ließ der damalige Präsident Ronald Reagan bei seinem Feldzug gegen Drogen, dem „War on Drugs“, Regierungsangestellte erstmals auf Drogen testen. Ein Urteil des US Supreme Courts segnete mit einem knappen Urteilsspruch diesen Eingriff ins Privatleben der arbeitenden Bevölkerung ab.

Heute haben sich viele Angestellte in den USA mit diesem Prozedere angefreundet. Jenny Clooney weiß, dass sie bei jedem Bewerbungsgespräch immer auch gleich eine Klausel unterschreiben muss, dass sie mit unangekündigten Drogentests einverstanden ist. Die 27-jährige Rezeptionistin meint: „Du findest Dich damit ab. Was soll ich denn machen, nein sagen? Dann kriegt einer meiner 30 Mitbewerber den Job.“

Mitarbeiter auf Drogen können ihren Arbeitgeber erheblich schädigen. Das amerikanische Arbeitsministerium schätzt, dass der Drogenkonsum von Angestellten – das schließt übrigens sehr wohl auch das gehobene Management ein – die US-Wirtschaft 75 Milliarden bis 100 Milliarden Dollar im Jahr kostet.

Drogenkonsumenten sind nach einer Untersuchung des Arbeitsministeriums 3,6 Mal öfter in Arbeitsunfälle verwickelt als drogenfreie Mitarbeiter. Konsumenten von Rauschmitteln neigen fünfmal eher dazu, sich und andere bei einem solchen Unfall zu verletzen. Außerdem liegen die Fehlzeiten am Arbeitsplatz zehnmal höher als bei anderen. Und Druggies, wie sie in den USA genannt werden, sind um ein Drittel weniger produktiv als Mitarbeiter, die „clean“ sind.

Die American Management Association schätzt, dass über die Hälfte aller Firmen in den USA ihre Angestellten regelmäßig auf Drogenkonsum überprüft. Und mehr als 60 Prozent aller Bewerber müssen sich heute einem solchen Test unterziehen.

Der beschränkt sich übrigens längst nicht mehr nur auf die Urinprobe. So werden US-Arbeiter heute zur Haar-, Schweiß- und auch Speichelproben gebeten. „Fast ist es ein bisschen wie bei den Krimis im Fernsehen“, meint Maggie Hauth, die in ihrer Anwaltskanzlei in Los Angeles immer mal wieder von der Personalabteilung zum Drogentest eingeladen wird. „Meine Ergebnisse sind bisher immer negativ gewesen“, fügt die 39-jährige Anwaltsgehilfin hinzu.

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