E-Mails sind steril und kein Ersatz für direkten Kontakt
Damit die Gerüchteküche kalt bleibt

Hören Sie die wichtigsten Neuigkeiten aus Ihrem Unternehmen auch immer zuerst auf dem Gang? Oder in der Kaffeeküche oder in der Toilette? Dann gehören Sie zu den 61 Prozent der Deutschen, deren Chefs sich am liebsten so lange in Schweigen hüllen, bis es nicht mehr anders geht.

Dies ist das Fazit einer europaweiten Untersuchung des Personalforschers und -beraters ISR aus Chicago, der dem Handelsblatt deutschlandexklusiv vorliegt. Befragt wurden 40 000 Mitarbeiter, davon 10 000 in Deutschland.

„Die meisten Führungskräfte machen sich nicht klar, was sie mit dieser Politik anrichten. Wenn sie einfach ihre Bürotür schließen, bringen sie so die Gerüchteküche erst zum Kochen“, erzählt ISR-Berater Yves Duhaldeborde aus der Londoner Europazentrale. Denn Schweigen verschlimmert alles. „Typischerweise passiert dies, solange Entscheidungen noch nicht in trockenen Tüchern sind“, weiß ISR-Deutschlandchefin Michaela Dabringhausen.

Genau das ist der Fehler. Denn: „Mitarbeiter sind keine unmündigen Kinder“, warnt Berater Duhaldeborde. „Sie wollen nicht außen vor gelassen werden.“ Insbesondere bei schlechten Nachrichten. Statt zu arbeiten, beschäftigen sich uninformierte Leute mit Kaffeesatz-Lesen.

Fühlen sich Mitarbeiter schlecht informiert, verlieren sie erst ihr Vertrauen ins Unternehmen – und dann ihre Motivation. Aber: Einsatzbereitschaft und Loyalität wirken sich direkt auf die Unternehmensproduktivität aus, wies ISR in einer Langzeitstudie mit 360 000 Mitarbeitern von 41 Konzernen weltweit nach. „Offenheit zahlt sich aus“, macht Duhaldeborde Managern Mut.

Mehr noch: „Mitarbeiter honorieren es, wenn Chefs Tacheles reden“, weiß Wirtschaftspsychologe Klaus Horn aus München. In Schweigekulturen erstarrt alles, die inneren Kündigungsraten sind am höchsten. Wohingegen in Tratschkulturen wenigstens noch Dampf abgelassen wird.

Das Fazit: Wer gut führt, kommuniziert auch gut. Der oberste Chef als Kapitän entwirft die Visionen, die Ebenen unter ihm müssen sie umsetzen und vorleben, damit sie auch tatsächlich in die tägliche Arbeit einfließen. „Das mittlere Management muss die Stimmung weitertransportieren an die Mitarbeiter“, erklärt Psychologe Horn. Genau das ist aber der Knackpunkt. Dabringhausen: „Gerade hier zu Lande hakt es oft bei dieser Arbeitsteilung zwischen den Führungsebenen.“

Augenfällige Parallele: Unternehmen, deren Aktienkurs besonders steigt, bekommen von ihren Mitarbeitern auch überdurchschnittliche Noten für die interne Kommunikation. Dies belegt eine Untersuchung von 57 AGs weltweit aus allen Branchen, die die ISR-Forscher über zwei Jahre unter die Lupe nahmen. Die Unternehmen mit offener interner Kommunikationskultur glänzten mit Kursgewinnen von durchschnittlich 21 Prozent. Demgegenüber stürzte der Kurs der Verfechter der Vogel-Strauß-Politik um 27 Prozent ab. Ähnliche Zusammenhänge erkennt auch eine Untersuchung der Personalberatung Watson Wyatt unter US-Unternehmen: Wer die effizientesten Kommunikationsprogramme hat, fährt die höchsten Gewinne ein.

Die Branchen High-Tech, IT und Pharma – wo der Marktdruck bereits große Veränderungen erzwungen hat – können laut ISR-Studie in Sachen interner Kommunikation die meisten Punkte sammeln. Rückständig sind dagegen Chemie und Maschinenbau.

Im internationalen Vergleich sind Briten und Franzosen die kommunikationsschwächsten Chefs: Bei ihnen regiert der Flurfunk (beide 67 Prozent). Anders in Dänemark: Dort erfahren nur 41 Prozent die Neuigkeiten des eigenen Hauses zuerst hinter vorgehaltener Hand, in Norwegen sind es nur 46 Prozent. Yves Duhaldeborde: „In skandinavischen Ländern ist ein direkter, offener Umgang üblich – ohne große Distanz zum Chef.“

Und: E-Mails, mit denen viele Unternehmen ihre Beschäftigten fast bombardieren, sind steril und kein Ersatz für direkten Kontakt. Wichtig ist es, Tuchfühlung mit den Mitarbeitern aufzunehmen. Wenn ein Vorstandschef wie Utz Claassen vom Energieversorger EnBW einmal im Monat ein Dutzend Mitarbeiter aus verschiedensten Abteilungen zum Lunch lädt, um direkt zu hören, wo es in der Firma klemmt, hat das Signalwirkung. Übrigens: Der EnBW-Aktienkurs zeigt nach oben.

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