Edouard Stern
Der tödliche Tango

Edouard Stern war einer der reichsten Männer Frankreichs. Der französische Bankier ist unter aufsehenerregenden ums Leben gekommen, höchstwahrscheinlich von seiner Geliebten. Der Prozess um die Ermordung des französischen Bankiers Edouard Stern hält die Finanzwelt in Paris und Genf in Atem.

GENF. Der Milliardär steckt in einem fleischfarbenen Latexanzug, die feinen Hände sind eng gefesselt. Edouard Stern genießt eine Befriedigung der besonderen Art. Cécile Brossard, sein "Engel", sein "Häschen", leistet ganze Arbeit - wie so oft in den vergangenen Jahren. Dann zischt der 50-jährige Stern: "Eine Million Dollar ist etwas gar viel für eine Nutte." Das Wort "Nutte" trifft Cécile ins Mark. Das Wort "Nutte" symbolisiert schmerzhaft das Machtgefälle zwischen dem Bankier und seiner 35-jährigen Gespielin. Ihr Kopf "explodiert". An jenem Tag im Februar 2005 nimmt das Treiben der beiden ein tragisches Ende.

Die Verhöhnte greift nach einem Revolver. "Er war wie eine Plastikpuppe", erinnert sich Cécile später. Sie schießt. "Nach dem ersten Schuss stand er auf, wankte und drehte sich. Ich hatte Angst, dass er leidet. Also habe ich nochmals geschossen", beschreibt sie ihre "schreckliche Tat". Stern, auf der Liste der reichsten Franzosen die Nummer 38, plumpst zu Boden. Sein Blut fließt durch das Genfer Luxusappartement. Kurz darauf fasst die Polizei die Frau.

Jetzt muss sie sich rund einen Kilometer vom Tatort entfernt im Palais de Justice in Genf verantworten. Es ist ein Prozess mit peinlichen Details aus der Intimsphäre zweier zerrissener Menschen, es ist ein Verfahren, das die Finanzwelt der Schweiz und Frankreichs seit Tagen in Atem hält. Und es ist eine Geschichte, die so überhaupt nicht zu dem Bild des diskreten Genfer Bankiers passt.

Schon kurz nach Sterns Tod, als die ersten Berichte über die Beziehung zirkulierten, reagierte der konservative Geldadel der Stadt mit einer Mischung aus Abscheu und Distanz. "Edouard Stern? Der gehörte doch nicht wirklich zu uns", hieß es im feinen Quartier des Banques, "der war doch ein Zugezogener, keiner, der den großen Genfer Dynastien wie den Mirabauds oder den Pictets angehörte."

Kaum einer der Genfer Bankiers wollte sich an Sterns Ehrentitel erinnern: Man nannte ihn den "Mozart der Finanzwelt": Ein Genie, das sein Metier mit Leichtigkeit und Eleganz beherrscht. Ein enger Freund von Nicolas Sarkozy.

Doch Stern war auch als harter Geschäftsmann bekannt: Als 22-Jähriger trat der Pariser ins Familienhaus ein, der Bank Stern. Der junge Edouard übernahm die Kontrolle, mit List und Brutalität führte er das Institut. Später verkaufte er und stieg ganz oben bei der Bank Lazard ein. Nach einem Krach mit dem Establishment des Instituts zog Stern in Genf sein eigenes Ding auf. In der Geldmetropole gründete er die Private-Equity-Firma IRR Capital. Hier machte der Financier 2001 auch die verhängnisvolle Bekanntschaft mit Cécile, einer Künstlerin. Schnell entwickelte sich eine Liebesaffäre. Die verheiratete Französin verfiel dem kultivierten Edouard, in dessen Esprit ein leichter Zynismus durchschimmerte, der den Reichen und Mächtigen eigen ist.

"Stern brachte Cécile bis ans Limit", beschreibt Céciles Anwalt die Beziehung. "Zuerst versprach er ihr Ehe und Unabhängigkeit. Um dann Geld wieder zurückzuziehen." So habe er ihr auch die Million Dollar zuerst zugesagt, später blockiert. Stern sei das Raubtier dieses "tödlichen Tangos" gewesen.

Die Anwälte der Familie Stern präsentieren eine andere Version, die Geschichte von der "Domina", dem "Flittchen". Stern, der von seiner Frau getrennte Vater dreier Kinder, sei der "kleinen Blonden aus den Außenbezirken" hörig gewesen. Sie habe ihn mit "ihrem abartigen Sex" an die Kette gelegt.

Was ist wahr? Die Geschworenen fällen ihr Urteil voraussichtlich Ende der Woche.

Edouard Stern

1954 in Paris als Spross einer Bankier-Dynastie geboren. Mit 22 Jahren steigt er in das Familieninstitut, Bank Stern, ein, übernimmt die Kontrolle und verkauft später das Haus.

1983 heiratet er Beatrice David-Weill. Sie haben drei Kinder, das Paar trennt sich. Stern arbeitet für Bank Lazard, er entzweit sich mit seinem Schwiegervater, Michel David-Weill, dem Präsidenten von Lazard.

1997 verlässt Stern Lazard. Er gründet seine eigene Private-Equity-Firma in Genf.

2001 beginnt Stern eine Liebesbeziehung mit Cécile Brossard. Nach rund vier Jahren kommt es zu einem tödlichen Streit. Brossard erschießt Stern. 2009 muss sich Brossard vor Gericht für ihre Tat verantworten.

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