Ehemalige EZB-Chefvolkswirt
Issing geht zu Goldman

Otmar Issing, bis Ende Mai Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), wird zum 1. Januar 2007 „International Advisor“ der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs. Er werde aber in keiner Weise in das operative Geschäft eingebunden sein, sagte Issing dem Handelsblatt.

mak FRANKFURT. Bei dem „lockeren Beratungsverhältnis“ gehe es in erster Linie um seine Erfahrung in der Analyse der globalen und der europäischen Wirtschaftsentwicklung. Vor dem Abschluss der Vereinbarung mit Goldman Sachs hatte Issing das Einverständnis des EZB-Rates eingeholt, wie die EZB bestätigte.

Der Verhaltenskodex für Mitglieder des EZB-Rates sieht vor, dass sie innerhalb des ersten Jahres nach dem Ausscheiden keine Position übernehmen dürfen, in der es zu einem Interessenkonflikt mit ihrer früheren Tätigkeit kommen könnte. Das wäre dann der Fall, wenn ein Ratsmitglied zum Beispiel für die Deutsche Bank tätig würde, mit der die EZB Geldmarktgeschäfte tätigt. Dies trifft laut Issing für Goldman Sachs nicht zu. Dennoch hat er den EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet „informiert und so weit wie möglich um Erlaubnis gebeten“, sagte Issing. Issing ist als Mitglied des EZB-Direktoriums über alle Tätigkeitsfelder der EZB informiert gewesen. Das EZB-Direktorium ist ein kollektives Gremium, das über alle Themen gemeinsam entscheidet.

Am Frankfurter Bankenplatz wie in Berliner Regierungskreisen herrscht wenig Verständnis dafür, dass Issing mit seinem neuen Engagement nicht wenigstens bis Ende Mai 2007 gewartet hat. Dann wäre er frei von allen Restriktionen aus seinem EZB-Vertrag. „Das wäre das Mindeste gewesen, das man von einer Lichtgestalt der europäischen Zentralbankwelt hätte erwarten können“, sagte ein Banker, der nicht genannt werde möchte. Ex-EZB-Präsident Wim Duisenberg war von seinen Kollegen im EZB-Rat heftig kritisiert worden, als er wenige Monate nach seinem Ausscheiden aus der EZB in den Aufsichtsrat der niederländischen Rabobank ging.

Goldman Sachs setzt mit Issing den Trend internationaler Banken fort, sich frühere hochrangige Persönlichkeiten aus Politik und Notenbanken einzukaufen. Banken zielen offenbar darauf ab, sich Türöffner für ihre Geschäfte zu besorgen und größeren Einfluss auf die Welt der Finanzaufseher zu bekommen.

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