Ehemaliger VW-Chef Staatsanwaltschaft bedauert „Irritationen“ um Winterkorn

Justiz-Wirrwarr um die Braunschweiger Staatsanwaltschaft: Sie verkündete zunächst ein Ermittlungsverfahren gegen den ehemaligen VW-Chef Winterkorn – ruderte dann aber zurück. Nun folgt eine Entschuldigung.
Derzeit bestehe kein Anfangsverdacht gegen Martin Winterkorn, so die Staatsanwaltschaft Braunschweig. Ermittelt werde trotzdem. Quelle: AFP
Verdacht nein, Ermittlungen ja

Derzeit bestehe kein Anfangsverdacht gegen Martin Winterkorn, so die Staatsanwaltschaft Braunschweig. Ermittelt werde trotzdem.

(Foto: AFP)

Wolfsburg/BaunschweigEntgegen ihren früheren Angaben führt die Staatsanwaltschaft Braunschweig derzeit kein formelles Ermittlungsverfahren gegen Ex-VW-Chef Martin Winterkorn persönlich. Zugleich bedauerte die Behörde in einer Mitteilung am Donnerstag die „Irritationen“ über ihre Angaben zu dem Verfahren und betonte, dass gegen Winterkorn aktuell kein Anfangsverdacht bestehe. Es werde aber natürlich weiterhin geprüft, ob ein solcher möglicher Anfangsverdacht gegen Winterkorn oder andere – nicht namentlich genannte – VW-Manager besteht, sagte eine Sprecherin auf Nachfrage.

Bisher werde Winterkorn nicht als Beschuldigter geführt. „Sofern dieser Eindruck entstanden ist, bedauert die Staatsanwaltschaft Braunschweig dies sowie die Irritationen, welche die Pressemitteilungen in diesem Zusammenhang hervorgerufen haben.“

Die Behörde hatte allerdings bereits am Montag auf telefonische Nachfrage nach der schriftlichen Mitteilung erklärt, dass Winterkorn selbst nicht als Beschuldigter geführt werde und derzeit noch kein Anfangsverdacht bestehe. Allerdings hatte die Behörde auch an ihren Formulierungen in der Pressemitteilung festgehalten, wonach es ein Ermittlungsverfahren gegen den zurückgetretenen VW-Chef gebe.

Die jüngste Erklärung rief die niedersächsische Politik auf den Plan. „Das Justizministerium hat bei der Generalstaatsanwaltschaft Braunschweig unverzüglich einen Bericht über die näheren Umstände dieses Vorgangs angefordert“, sagte eine Ministeriumssprecherin. Die oppositionelle CDU vermutet politische Einflussnahme auf die Behörde.

„Es ist schon merkwürdig, dass die Mitteilung über ein Verfahren gegen Herrn Winterkorn diskret zurückgeholt wird“, meinte der CDU-Fraktionsvize im niedersächsischen Landtag, Dirk Toepffer. „Der Eindruck der Einflussnahme auf staatsanwaltschaftliche Ermittlungen sollte von der Landesregierung umgehend widerlegt werden.“

Am Montag hatte die für Wirtschaftsstrafsachen zuständige Behörde in einer Erklärung betont, dass nach mehreren Strafanzeigen ein entsprechendes Verfahren gegen den Manager eingeleitet worden sei. Nun heißt es: „In der ersten Pressemitteilung wurde fälschlicherweise von einem Ermittlungsverfahren gegen Prof. Dr. Winterkorn berichtet.“

Das sind die neuen mächtigen Männer bei VW
Der Vorstandschef
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Matthias Müller steht vor einem fast unentwirrbaren Knäuel von Problemen: Der neue Chef von Volkswagen muss nicht nur die Aufklärung der Abgas-Affäre vorantreiben, verlorenes Vertrauen zurückgewinnen und den finanziellen Schaden durch drohende Strafzahlungen und Schadensersatzklagen begrenzen. Der bisherige Porsche-Chef muss nach Ansicht von Konzerninsidern auch die zentralistischen Strukturen im Wolfsburger Machtapparat aufbrechen, die ihm Martin Winterkorn hinterlassen hat. Vor allem die Kultur der Angst, die nach Ansicht vieler Experten den Abgas-Skandal begünstigt hat, muss weg. Und schließlich muss der 62-Jährige den weltgrößten Autobauer fit für die Digitalisierung machen, um gegen IT-Giganten wie Google und Apple zu bestehen.

Der Vorstand
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BMW kehrte er den Rücken, als er nicht Vorstandschef wurde. Jetzt ist Herbert Diess auch im VW-Konzern nur die Nummer zwei – vorerst. Der Münchener ist ein brillanter Ingenieur und ein guter Netzwerker. Diess braucht keine Seilschaften, er sucht sich seine Verbündeten situativ. Schon vor seinem Amtsantritt im Juli inspizierte er die Werke und knüpfte enge Bindungen mit Betriebsratschef Osterloh. Diess wird die Modellpalette entrümpeln und die Kosten bei den Zulieferern drücken. Macht er seinen Job gut, kann er Müller eines Tages ablösen.

Der Audi-Chef
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Beim Autorennen in Le Mans bekämpften sich Porsche und Audi bis aufs Messer. Jetzt müssen Audi-Chef Rupert Stadler und VW-Boss Matthias Müller eng zusammenstehen. Denn ohne die Gewinne von Audi wird die Mutter VW die kommenden Belastungen nicht stemmen können. Anders als Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg gilt Stadler in der Abgasaffäre als eher unverdächtig. Stadler ist gut vernetzt im VW-Konzern und kennt die Entscheidungswege. Als ehemaliger Bürochef von Ferdinand Piëch genießt Stadler zudem das Vertrauen des gestürzten Patriarchen.

Der Nordamerika-Chef
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Für Volkswagen war Winfried Vahland in vielen Ecken der Welt unterwegs. In den neunziger Jahren baute er die Region Asien-Pazifik mit auf, dann ging es nach Brasilien und Argentinien, nach China und nach Tschechien. Dort führte der 58-jährige Westfale in den vergangenen fünf Jahren die Marke Skoda zu ertragreicher Blüte. Jetzt soll er es jenseits des Atlantiks richten, wo die drei Märkte in den USA, Mexiko und Kanada zur Region Nordamerika zusammengefasst wurden. Vahland hat den Ruf des kommunikativen Machers. Gerade so einen brauchen sie dort jetzt.

Der (politische) Aufseher
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Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil nimmt eine Schlüsselposition bei der Neuordnung von Volkswagen ein. Schon bei der Attacke des früheren Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch auf VW-Boss Martin Winterkorn war der Sozialdemokrat einer der Protagonisten, die sich des Problems annahmen. Führungsstärke zeigte der Landesvater auch in der Dieselaffäre. Als Erster aus dem Aufsichtsrat forderte er eine lückenlose Aufklärung der Manipulationsvorwürfe. Die vergangenen sechs Monate haben dem Politiker Weil eine Seite von VW gezeigt, die er wohl nicht für denkbar gehalten hatte. Sein Amt als Kontrolleur von Europas größtem Industriekonzern will er daher mit größter Sorgfalt weiter wahrnehmen. Den Konzernumbau, der vom neuen VW-Chef Matthias Müller forciert werden muss, wird er genau verfolgen.

Der künftige Aufsichtsratschef
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Zwölf Jahre war Hans Dieter Pötsch Finanzvorstand. Immer galt der 64-jährige Österreicher als geradlinig. Und doch fällt jetzt auch ein Schatten auf ihn. Während der gesamten Zeit der Manipulation an Dieselmotoren war er der direkte Mann hinter Martin Winterkorn. Experten halten es für denkbar, dass hier auch das Finanzressort eingebunden war. Pötsch wird deshalb einige Fragen beantworten müssen. Als künftiger Aufsichtsratschef muss sich der groß gewachsene Mann, der bisher eher im Hintergrund die Fäden gezogen hat, an die Spitze der Aufklärung stellen. Die Voraussetzungen sind gut: Pötsch ist erfahren und hat das Vertrauen von Aufsichtsrat und Präsidium. Am 9. November soll er in Berlin auf einer außerordentlichen Hauptversammlung in den Aufsichtsrat gewählt werden.

Der Eigner
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Letztlich hat sich Wolfgang Porsche durchgesetzt. Sein Wunschkandidat Matthias Müller wurde zum Nachfolger von VW-Chef Martin Winterkorn berufen. Es war die bequemste und naheliegende Lösung; schließlich kennt er den bisherigen Porsche-Chef seit Jahren. Diese Entscheidung, die von den anderen Aufsichtsräten unterstützt wurde, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Wolfgang Porsche vor allem weggeduckt hat. Auch wenn Porsche für die Öffentlichkeit unauffällig bleibt, so fällt ihm doch eine wichtige Rolle zu. Er muss die nächste Generation von Piëchs und Porsches in die Welt von Volkswagen einführen. Einige dieser sogenannten vierten Generation sind bereits in den Aufsichtsräten des Unternehmens vertreten.

Die Staatsanwaltschaft erklärte den Fehler mit organisatorischen Abläufen in der Behörde: „Die Quelle des Missverständnisses ist die Vorgabe der Aktenordnung, wonach bei Eingang einer Anzeige gegen eine bestimmte Person ein gegen diese Person gerichteter Vorgang anzulegen ist.“

  • dpa
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