Ein Mann für schwierige Fälle
Rowald Hepp führt Deutschlands ältestes Weingut

Als Rowald Hepp vor vier Jahren das Weingut "Schloss Vollrads" übernahm, war das ein Sanierungsfall. Heute schreibt das Gut schwarze Zahlen.

Die letzten Kilometer führt der Arbeitsweg von Rowald Hepp entlang der kleinen Straße, die das Dorf Oestrich-Winkel mit den Weinhängen des Rheingaus verbindet. Wie an einer Perlenschnur reihen sich dort die besten deutschen Rieslinglagen aneinander. Und mittendrin liegt „Schloss Vollrads“, mit urkundlich verbrieften 800 Jahren im Weingeschäft dem Vernehmen nach das älteste Weingut in Deutschland.

Doch die landschaftliche Schönheit war allenfalls ein Trostpflaster für Hepp, als er vor gut vier Jahren den Job als Weingutsdirektor und Geschäftsführer von Schloss Vollrads übernahm. Denn das Gut war ein betriebswirtschaftlicher Sanierungsfall, mit ihm verbunden die tragische Geschichte um Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau: Der Graf, Vorbesitzer des Guts, hatte sich zwei Jahre zuvor das Leben genommen.

Der Schlossherr und Winzer erschoss sich mit Blick auf seine Weinberge in den frühen Morgenstunden eines Sommertags. „Selbstmord nach Konkurs" titelte die in Koblenz erscheinende Rhein-Zeitung damals. Wenige Stunden zuvor hatten die Gläubigerbanken – hauptsächlich die Nassauische Sparkasse in Wiesbaden – den Antrag auf Eröffnung des Konkursverfahrens gestellt.

Die Lage schien aussichtslos. Dass Hepp dann tatsächlich den Sanierungsfall „Schloss Vollrads“ übernehmen wollte, wunderte so manchen Branchenkenner. Aber Hepp ließ sich nicht schrecken. Mit rund 30 fest angestellten Mitarbeitern und noch einmal so vielen polnischen Erntehelfern zur Lesezeit arbeitete der gebürtige Franke akribisch am Wiederaufstieg des Weingutes in die internationale Topliga. Dabei setzte der Berufsoptimist vor allem auf eines: „Qualität, Qualität und nochmals Qualität.

Die Zahlen sollten ihm Recht geben. Nach Verlusten bezifferte die Nassauische Sparkasse den Vorsteuergewinn bereits im ersten kompletten Geschäftsjahr 2 000 auf rund eine halbe Million Euro. „Seitdem schreiben wir schwarze Zahlen in ungefähr dieser Größenordnung“, erzählt Hepp heute stolz.

Es ist nicht das erste Mal, dass der promovierte Önologe ein Weingut zurück in die schwarzen Zahlen führt. Auch bei seinem vorherigen Job als Leiter des staatlichen Hofkellers in Würzburg konnte er Erfolge vorweisen. Dort führte er die Geschäfte des Staatsweingutes im Besitz der bayerischen Landesregierung und kümmerte sich um die Vermarktung des Frankenweins.

Er sorgte dafür, dass der subventionierte Betrieb einen Gewinn erzielte – der war wohl zu hoch nach dem Geschmack der Staatsdiener. Eines Tages bekam Hepp aus dem Landwirtschaftsministerium den wohlmeinenden Hinweis, doch „etwas weniger erfolgreich“ zu sein. Viele der privaten Winzer fühlten sich durch die staatliche Konkurrenz bedrängt.

Bei Hepp wuchs der Frust. Als es darum ging, den Vertrag in Würzburg zu verlängern, lehnte er ab. Gleichzeitig suchte die Nassauische Sparkasse nach einem Käufer für Schloss Vollrads. Nach zwei Jahren Suche gab sie auf. Aber sie brauchte zumindest einen Experten, der das Weingut professionell managen kann. So kam es, dass Hepp die sichere Stelle als Leiter eines staatlichen Weinguts gegen den Sanierungsfall „Schloss Vollrads“ eintauschte.

Der neue Chef handelte rasch. Er stoppte die Pläne, Rotweinstöcke statt der klassischen Rieslingreben anzupflanzen. Eine richtige Entscheidung, wie der aktuelle Nachfrageboom nach Riesling aus Deutschland zeigt. Heute stehen auf 53 Hektar eigener Weinberge rund eine Viertelmillion Rieslingstöcke. Jeder einzelne wird einer harten Auslese unterzogen. Mehrmals pro Saison werden die Stöcke geschnitten und ausgedünnt.

Zur Lesezeit inspiziert Hepp mit Weinbergmeister Gerd Wendling täglich die einzelnen Weinberge. „Wir ernten jeden Stock bis zu dreimal. Für jeden Wein brauchen wir ganz bestimmte Traubenprofile“, beschreibt der Chef das Konzept. Doch die Methode lässt sich nur mit teurer Handarbeit erledigen. Erntemaschinen werden dem Qualitätsanspruch einer selektiven Ernte nicht gerecht.

Hepp setzt aber nicht nur auf den Weinverkauf. Er vermietet die repräsentativen Räume des Schlosses an Unternehmen und Gesellschaften – ein lohnendes Geschäft. So kam er mit „Schloss Vollrads“ im vergangenen Jahr insgesamt auf einen Umsatz von 3,2 Millionen Euro

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Mit seinem Ziel, das Weingut auf absolute Spitzenklasse auszurichten, stieß er bei seinen Angestellten zunächst auf Widerstand. Er musste Überzeugungsarbeit leisten. „Es ist ein Risiko, einen großen Teil der Ernte an den Rebstöcken hängen zu lassen, obwohl man bei sofortiger Ernte eine erstklassige Spätlese keltern könnte“, weiß Hepp – nur um noch das letzte Quäntchen Qualität aus den Trauben herauszuholen, falls das Wetter dann mitspielt.

Doch inzwischen steht die Belegschaft voll hinter ihrem neuen Chef. Vielleicht auch, weil er mitbringt, was Berater gerne als „soziale Kompetenz“ bezeichnen. Er ist alles andere als ein Hire-and-Fire-Manager. „Unser Kapital sind die Erfahrung der Mitarbeiter und der Boden“, sagt Hepp, ohne dass es nach einer Phrase klingt. Weinberge lassen sich eben beim besten Willen nicht wie zum Beispiel eine Fabrik verlegen.

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