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Einer allein kann alle anderen lahm legen

Eine einzelne Gehirnzelle ist ziemlich doof. Sie vermag nichts zu leisten, nicht zu denken, zu steuern, zu kommunizieren ohne das System von vielen, vielen Schwesterzellen, das in seiner Gesamtheit unser Gehirn bildet. Auf den Vergleich mit der Gehirnzelle ist der kanadische Biologe Brian Goodwin gekommen, als er sich mit Ameisen auseinandersetzte.

HB Die einzelne Ameise nämlich ist ebenfalls ein ziemliches tumbes Wesen, rennt kopflos durch die Gegend und ist nicht in der Lage, irgendwas Produktives auf die Beine zu stellen. Erstaunlicherweise aber kann die Ameise als Gattung einen überwältigenden evolutionären Erfolg vorweisen: Es gibt sie seit etwa 100 bis 150 Millionen Jahren, und heute zählen sie etwa zehntausend Billionen Exemplare. Das Erfolgsprinzip der Ameise ist ihre soziale Kooperation und ihr Talent zur Selbstorganisation in einem großen Volk.

Was jedoch ist eine Population, und wann beginnt die Selbstorganisation? Der amerikanische Ameisenforscher Blaine Cole ließ eine Ameise in einem Glasbehälter herumlaufen. Ihre Bewegungen war chaotisch, ohne erkennbare Struktur. Als die zweite Ameise hinzukam, lief auch diese ziellos umher. Mit der dritten, vierten, fünften Ameise verhielt es sich genauso.

Doch als Cole immerzu weitere Ameisen in das Glasgefäß krabbeln ließ, verfielen sie in ein regelmäßiges Verhaltensschema, sie hielten übereinstimmende Ruhe- und Aktionsphasen ein und begannen damit, sich in einem ordentlichen Muster von konzentrischen Kreisen zu bewegen – das gleiche Muster, das auch der Brutkammer der Ameisenkönigin im Zentrum einer Ameisenkolonie zu Grunde liegt.

Entscheidend an diesem Versuch ist, dass erst ab einer bestimmten, ausreichenden Bevölkerungsdichte aus zuvor chaotisch durcheinanderwimmelnden Einzeltieren ein soziales Gebilde mit einer sich natürlich ergebenden Ordnung entsteht. Und diese tritt nicht dadurch ein, dass von außen eingegriffen wird oder sich innen jemand zum Führer aufschwingt und seine Vorstellungen durchsetzt.

Auch in Unternehmen sind solche Phänomene zu beobachten. Wird in das soziale Gefüge einer Arbeitsgruppe plötzlich eine neue Person – quasi die hundertste Ameise – eingeführt, so kann die ganze Dynamik und Selbstorganisation mit einem Mal in eine andere Richtung umschlagen: Sei es, dass der neue Mensch enorme Ausstrahlung mitbringt und in der Gruppe neue Bewegung entfacht oder sei es, dass durch ihn eine zuvor harmonische Gruppe plötzlich lahm gelegt wird oder auseinander bricht.

Auch ist aus der Komplexitätswissenschaft bekannt, dass oft in einer Ansammlung unkoordinierter Individuen, durch das Hinzufügen weiterer Mitglieder plötzlich ein sich selbst ordnendes Sozialgefüge entsteht. Das kann, muss aber nicht so kommen.

Für Führungskräfte können die Ameisen eine vielleicht ganz heilsame Mahnung daran sein, dass die Selbstorganisationskräfte in Gruppen nicht zu unterschätzen sind und dass es keineswegs einer Führungskraft bedarf, die dirigistisch jedes Detail des sozialen Zusammenlebens regelt. Auch gibt es viele Probleme, die sich gerade deshalb selbst lösen, weil niemand von außen eingreift.

Das Buch zum Thema: Matthias Nöllke, So managt die Natur, Haufe Verlag, 343 Seiten, 24,80 Euro.

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