Einmal im Jahr steht die Barings Bank im Rampenlicht
Der Mann mit dem „goldenen Händchen“

Die meiste Zeit des Jahres führt ING Barings ein unauffälliges Dasein. Die Investmentbank des niederländischen Finanzkonzerns ING hilft Firmen bei der Beschaffung von Geld, platziert Aktien und handelt mit Devisen. In den Ranglisten taucht das Institut gewöhnlich auf den hinteren Plätzen auf.

Einmal im Jahr steht Barings aber im Rampenlicht, und heute ist es wieder so weit. Zum zehnten Mal jährt sich eine der spektakulärsten Pleiten der Finanzgeschichte, eben das Ende des britischen Traditionshauses Barings als selbstständiger Bank.

Am 2. März 1995 – Barings steht noch auf eigenen Beinen, John Major ist der Premierminister Großbritanniens und die Bank von England noch nicht unabhängig – wird der 28-Jährige Nick Leeson auf dem Frankfurter Flughafen verhaftet. Leesons Festnahme ist der Höhepunkt eines Dramas, in dessen Verlauf der vermeintliche „Mann mit dem goldenen Händchen“ mit waghalsigen Optionsspekulationen auf den Nikkei-Index einen Milliardenverlust anhäuft. Die Geschichte ist bekannt: Anfängliche Gewinne verleiten ihn dazu, stets ein höheres Risiko einzugehen. Als der Markt gegen ihn läuft, will er die Verluste mit höheren Einsätzen ausgleichen. Am Ende geht ihm das Geld aus, er heftet einen Zettel mit den Worten „Es tut mir leid“ an seinen Bildschirm und setzt sich ins Ausland ab.

Da hatte er Barings schon an den Rand des Ruins getrieben. Laxe Kontrollen in der Bank und Versagen der Aufsichtsbehörden machten ihm den Betrug leicht. Für Barings war die Enthüllung noch nicht das bittere Ende. Das kam erst, als ING das Institut wenig später für ein Pfund übernahm.

Zehn Jahre danach ist von den Folgen Leesons nicht mehr viel zu spüren. Dass Barings ohne ihn heute noch selbstständig wäre, darf man getrost anzweifeln. Die Ära der auf Dienstleistungen für Großkunden spezialisierten, so genannten „Merchant Banks“ alter Kaufmannsfamilien lief in den 90er-Jahren ohnehin aus. Ihre Geschäftsfelder und Bilanzsummen waren zu klein, um der ausländischen und zunehmend globalisierten Konkurrenz standzuhalten. Nach und nach fielen ganz ohne Betrug ehrwürdige Traditionshäuser: SG Warburg ging an den Schweizerischen Bankverein (die heutige UBS), Kleinwort Benson an die Dresdner Bank, Salomon Smith Barney an die Citigroup und Flemings an JP Morgan. Als bislang letzter fiel im vergangenen Jahr Cazenove der Zeit zum Opfer, der Broker, dem auch Königin Elisabeth vertraut. Er rettete sich in eine Kooperation mit der US-Investment-Bank JP Morgan und konnte sich so zumindest den Anschein der Selbständigkeit wahren.

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