Eliot Spitzer, Generalstaatsanwalt von New York, hat jetzt Pharmakonzerne wie Glaxo-Smithkline im Visier
Gnadenlos unbestechlich

Wenn Eliot Spitzer es ernst meint, sieht dieser Mann ziemlich böse aus: Eiskalte blaue Augen, ein messerscharf geschnittenes Kinn, eine mehr als kühle Erscheinung. Dieser Mann ist ein Getriebener.

NEW YORK. Sein beruflicher und persönlicher Ehrgeiz machen den New Yorker Generalstaatsanwalt zu einem gefährlichen Gegner selbst für Leute, die sich lange Zeit für unantastbar hielten.

Das hat jetzt auch der britische Pharmakonzern Glaxo-Smithkline zu spüren bekommen. Spitzer wirft dem Unternehmen vor, bewusst und aus betrügerischer Absicht wichtige Informationen über Nebenwirkungen seines Anti-Depressionsmittel Paxil auf Kinder zurückgehalten zu haben. In bewährter Manier fordert er Wiedergutmachung und eine Rückzahlung der Gewinne. Mit seiner Zivilklage gegen Glaxo weitet Eliot Spitzer seinen Feldzug gegen Missbräuche in der Wirtschaft jetzt auch auf ausländische Unternehmen aus.

Zuvor hatte sich der fast 45-jährige, hagere Jurist vor allem die Wall Street vorgeknöpft. Den großen Investmentbanken wies er im vergangenen Jahr Mauscheleien beim Aktienresearch nach und knöpfte ihnen dafür in einem außergerichtlichen Vergleich 1,4 Milliarden Dollar ab. Von den großen Investmentfonds verlangt er wegen Marktmanipulationen mehr als zwei Milliarden Dollar. Große Geschäftsbanken verklagte Spitzer wegen angeblichem Wucher bei der Kreditvergabe. Den Logistikkonzern Fedex stellte er wegen Diskriminierung an den Pranger. Mit der Musikindustrie einigte er sich auf die Rückzahlung von nicht ausgeschütteten Tantiemen.

Für den größten Gesprächsstoff sorgt jedoch Spitzers Klage gegen den ehemaligen Chef der New York Stock Exchange (NYSE), Richard Grasso. Der Robin Hood der Wall Street fordert von dem geschassten Grasso die Rückzahlung eines großen Teils der fast 140 Millionen Dollar schweren Abfindung, die Grasso bei seinem Abgang vor einigen Monaten kassierte. Anders als bei seinen anderen Klagen läuft diese Auseinandersetzung auf einen Showdown im Gerichtssaal hinaus. Spitzer müsste zeigen, dass er mehr kann, als Konzerne an den Pranger zu stellen und zur Kasse zu bitten.

Mit seinem jüngsten Coup gegen Glaxo hat der gebürtige New Yorker noch einmal sein ausgesprochenes Fingerspitzengefühl für öffentlichkeitswirksame Auftritte unter Beweis gestellt. Pharmafirmen sind in den USA auf Grund der hohen Gesundheitskosten äußerst unbeliebt. Auf der anderen Seite reagieren die Amerikaner auf alles, was ihre Kinder betrifft, ausgesprochen sensibel. Mit dieser Mischung hat er wieder einmal die Schlagzeilen besetzt.

Sein Muster ist meist der Kampf David gegen Goliath. Wobei Spitzer immer dem Underdog zu Hilfe eilt, seien es geprellte Kleinanleger, diskriminierte Arbeitnehmer oder – wie jetzt – kranke Kinder.

Was treibt ihn an? „Was gibt es Schöneres für einen Anwalt, als an juristischen Auseinandersetzungen beteiligt zu sein, die nachhaltig die Rechtslandschaft verändern", sagte er einmal einem Magazin. Er wolle die Interessen der kleinen Leute vertreten, erzählt er gerne. Und bei denen kommt er bislang gut an. Deshalb könnte in seiner Karriere noch mehr drin sein. Nicht wenige gehen davon aus, dass er 2006 zur Gouverneurswahl antreten wird.

Die spektakuläre Fälle bearbeitet Spitzer erst, nachdem er es 1999 auf den Posten des Generalstaatsanwalts von New York schaffte. Zuvor, nach seinem Jurastudium in Princeton und Harvard, kümmerte er sich eher um kleinere Fälle. Später ging er gegen Stromkonzerne aus dem Mittleren Westen vor, weil er sie für sauren Regen verantwortlich machte, und legte sich schließlich mit General Electric an.

Und dann wechselte er ausgerechnet an die Spitze der Staatsanwaltschaft New York, eine Behörde mit 1 800 Angestellten, davon 500 Anwälten, die damals keinen guten Ruf genoss. Um den Posten zu ergattern, nahm er sogar zwei Anläufe in Kauf. Beim ersten Mal scheiterte er 1994 schon in den Vorwahlen. Aber Spitzer gab nicht auf. Fünf Jahre später, als er wieder für die Partei der Demokraten startete, schaffte er es. Den Posten ließ er sich einiges kosten. Für die erste Werbekampagne soll er vier Millionen und für die zweite sogar zehn Millionen Dollar aus eigener Tasche gezahlt haben.

Spitzer kann es sich leisten. Er stammt aus vermögendem Hause. Er ist in Riverdale, einer Wohlstandsenklave am Rande der Bronx, in New York aufgewachsen. Sein Vater machte sein Vermögen mit Grundstücksgeschäften. Das schafft Spitzer die notwendige Unabhängigkeit. So kann der „Sheriff der Wall Street“ oder der „Unbestechliche“, wie er genannt wird, ohne falsche Rücksichten gegen Konzerne vorgehen.

„Spitzer ist der schlimmste Feind, den man haben kann“, sagte James Cramer, Kommentator des Finanzdienstes TheStreet.com und ein Freund Spitzers aus Unizeiten. Er sei reich und könne auf die Unterstützung der Wall Street pfeifen.

Spitzer wohnt in einem Luxus-Appartement-Haus am Central Park, das sein Vater gebaut hat. Dort lebt er mit seiner Frau, einer Anwältin, und drei Töchtern. Er spielt gerne Tennis, wo er seinen Gegnern den Ball so richtig um die Ohren hauen kann.

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