Elitezirkel: Freunde fürs Leben

Elitezirkel
Freunde fürs Leben

Im knapp 1 500 Seiten starken Handbuch der deutschen Rotarier stehen alle Namen und Adressen – von Hans Aach bis Werner Zywietz. Mit dabei sind auch Roman Herzog, Richard von Weizsäcker.

Kann man sich vorstellen, dass diese Leute sich tagtäglich ernsthaft die Fragen stellen, die ihnen die rotarische Verfassung vorgibt? „Ist es wahr, bin ich aufrichtig? Ist es fair für alle Beteiligten? Wird es Freundschaft und guten Willen fördern? Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen?“

Rotary, das klingt offiziell immer noch wie eine Mischung aus Kant und St. Georgs-Pfadfinderschaft. Über das Gedankengut und die Disziplin in den Clubs wacht die rotarische Weltzentrale in Evanston nahe Chicago. Hier arbeiten gut 400 hauptamtliche Kräfte. Rotary ist dennoch keine Weltanschauung, eher ein gutes Gefühl. Die Clubs sind weitgehend autonom, die rotarische Welt ist ein Kosmos der Vielfalt mit einigen Konstanten. Dazu gehört, dass die Mitglieder deutlich älter sind als der Durchschnitt der Bevölkerung, besser gebildet und vor allem erfolgreicher. Das ist ein wesentlicher Teil der Geschichte.

„Wissen Sie, was das rotarische R bedeutet?“ fragt der nette Unternehmensberater mit dem Toupet und zwinkert: „Reiche helfen Reichen.“ Der Mittagstisch lacht. Später geht ein rotes Sparschwein durch die Reihen, die Tischsammlung. Man gibt ein bis zwei Euro, die Symbolik der guten Tat. Durchschnittlich spendet jeder der gut 43 500 deutschen Rotarier immerhin 434 Euro jährlich, voriges Jahr kamen so 18,5 Millionen Euro zusammen. Von dem Geld werden vor allem lokale Aktivitäten finanziert, Düsseldorf-Süd sammelt für Mittagstische zu Gunsten Düsseldorfer Schüler, der RC Euskirchen für ein Krankenhaus in Bengalen, der RC Ellwangen gibt Geld für die Uniform der Nachtwächter von Aalen. Außerdem spenden alle Clubs 100 Euro je Mitglied für das Weltprogramm. Rotary International will mit einer Impfkampagne die Kinderlähmung ausrotten.

„Wenn ich etwas Gutes tun will, dann habe ich auch andere Möglichkeiten“, sagt Michael Schneider. Er leitet das Archiv der sozialen Demokratie bei der Friedrich-Ebert-Stiftung und ist so etwas wie der Haushistoriker der SPD und seit fünf Jahren Rotarier. Er hege ganz eigensinnige Ziele: „Mir haben die Rotarier Zugang zu einer ganz anderen Sphäre eröffnet, der Geschäftswelt.“ Vom „Freund Müller-Arends“ hat er erfahren, wie die Firma Mauser auf die Globalisierung antwortet, „Freund Landwehr“ hat eine Führung durch die Kölner Ford-Werke arrangiert.

Sein Club, Köln-Bonn-Millennium, verkörpert die neue rotarische Welt: Auch Frauen prägen inzwischen den Verein. Man trifft sich in der Brauerei Früh mit Blick auf den Kölner Dom, zu den Mitgliedern zählen auch viele Künstlerinnen und Gelehrte, darunter die Dombaumeisterin, Barbara Schock-Werner, die Leiterin des Karl-Marx-Hauses in Trier, Beatrix Bouvier, und Ursula Maria Berg, die Konzertmeisterin des Gürzenich-Orchesters. Auch sie redet nicht von Gemeinsinn: „Hier kann ich interessante Leute treffen.“ Und die Karriere? „Darüber wird nie gesprochen“.

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