Emilio Botín, der Chef der spanischen Bank Santander, schafft sich ein eigenes Reich
Der König und seine Stadt

Der vom US-Stararchitekten Kevin Roche entworfene, hochmoderne Bürokomplex der Santander Group City macht neugierig. Die breite, weiß getünchte und mit einer Rohrkonstruktion überdachte Einfahrt am Haupteingang wirkt einladend. Aber leider darf nicht jeder herein. Schranken, bewaffnete Sicherheitsleute und ein hoher Zaun halten ungeladene Besucher draußen.

HB MADRID. Das 140 000 Quadratmeter große Bürogelände der Santander Central Hispano (SCH), der wichtigsten Bank Spaniens, ist nicht nur hermetisch abgeriegelt, sondern liegt auch mitten in der Einöde des kleinen Or-tes Boadilla del Monte, eine halbe Stunde von Madrid entfernt. Für die 5 500 Angestellten, von denen die meisten in der Hauptstadt wohnen, eher lästig. Seit April dieses Jahres arbeiten sie in den 23 Bürogebäuden, die Namen haben wie „Maya“ oder „Riff“. Vorher waren sie auf verschiedene Gebäude in der Innenstadt verteilt.

Der König des Geldes, wie der Traditionsbanker Emilio Botín in Spanien genannt wird, hat sich für 480 Millionen Euro ein eigenes Reich geschaffen, das bis Ende kommenden Jahres fertiggestellt sein soll. Bisher konnten sich solche Firmenstädte nur amerikanische Unternehmen wie IBM oder General Motors leisten. In Europa ist die Santander Group City einmalig.

Dass viele Angestellten unglücklich sind über den Umzug und die langen Anfahrtszeiten, dürfte dem Präsidenten herzlich egal sein. Der 70-jährige thront in einem Raumschiff ähnlichen Komplex auf einer ganzen Etage und hat seine Ruhe. Auch der Pressesprecher darf nur mit Genehmigung zu ihm hochkommen, sonst lässt ihn die Sicherheitsfrau am Eingang nicht durch. Dadurch dass nun alle auf einem Fleck arbeiten, können zwar viele Synergien geschaffen werden – ein Hauptziel des Botín-Managements – aber die Mitarbeiter fühlen sich auch eingeschlossen. Wie etwa die 32-jährige María aus dem Vertrieb: „Es ist alles ein bisschen eng hier“, sagt sie. Außerdem ähnelten die fünf Firmenrestaurants eher einer Uni- Mensa und hätten nichts von dem Flair der Madrider Terrassen.

Zwar gibt es für die Mitarbeiter auf dem Firmengelände einen Kindergarten mit 400 Plätzen und subventionierten Preisen, ein riesiges Sportzentrum, einen von der amerikanischen Firma Rees Jones entworfenen Golfplatz und bald auch zahlreiche Geschäfte. Aber dafür können sie auch nicht mehr wie früher in der Mittagspause nach Hause gehen, sich dort noch eine kleine Siesta gönnen. In der Santander Group City laufen sie ihren Kollegen immer und überall über den Weg. „Wirklich ausspannen ist unmöglich,“ sagt María.

Pressechef Peter Greiff hält das jedoch für positiv. Er glaubt, dass da-mit der Arbeitstag der Bank, der bisher von 9 bis 20 Uhr geht, langfristig verkürzt wird: „Nun versucht jeder, so schnell wie möglich hier raus zu kommen.“ Mittagspausen von bis zu drei Stunden, wie sie in Spanien vielfach üblich sind, werden seiner Meinung nach schnell der Vergangenheit angehören.

Botín, der als Präsident und Eigentümer SCH zu einer der effizientesten Banken der Welt gemacht hat, möchte mit der Ausgliederung seines Bankenimperiums auch mehr Corporate Identity schaffen. So will er seine Angestellten aus Lateinamerika und demnächst auch aus Großbritannien einfliegen lassen, sollte der Kauf der englischen Hypothekenbank Abbey National wie geplant Ende des Jahres abgeschlossen sein. Damit will er ihnen das Gefühl geben, die Santander Group City sei ihr zweites Zuhause. In einem 1 000-Platz-Auditorium sollen sie in regelmäßigen Abständen die Philosophie der Bank eingetrichtert bekommen und über Neuerungen informiert werden. An Übernachtungsmöglichkeiten hat er auch gedacht: Auf dem Firmengelände gibt es ein Hotel und zahlreiche Appartements. Besonders wichtig für das Mitarbeitertraining sind die für 100 Mill. Euro neu gebauten Datenzentren und Showrooms, wo sich demnächst auch Abbey-Leute über die High-Tech-Standards der SCH informieren können, die dann bald auf ihre Filialen übertragen werden.

Angesichts der neuen Santander- Stadt kann der heimische Konkurrent BBVA, der in einem eher hässlichen Büroturm auf der Madrider Prachtstraße Paseo de la Castellana residiert, nur neidisch werden. Aber angeblich sollen es dort angesichts der in den vergangenen Jahren stark angestiegenen Immobilienpreise Überlegungen geben, ähnliche Schritte einzuleiten. Denn immerhin hat Botín mit dem Verkauf seiner Innenstadt-Gebäude satte 356 Mill. Euro Gewinn eingefahren.

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