Emma Marcegaglia: Die Frau, die Silvio Berlusconi widersteht

Emma Marcegaglia
Die Frau, die Silvio Berlusconi widersteht

Emma Marcegaglia ist Chefin des mächtigen italienischen Industrieverbands Confindustria. Sie hat ein gewaltiges Wort in Wirtschaft und Politik mitzureden und scheut keine Auseinandersetzung. Mit Ministerpräsident Silvio Berlusconi geht sie nunhart ins Gericht.
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MAILAND. Der Applaus im Saal Bolaffio über den Dächern der alten Mailänder Messe will kaum mehr aufhören. Am Rednerpult steht Emma Marcegaglia und rechnet mit der amtierenden Regierung ab. Mit lauter, klarer Stimme ruft die Präsidentin des mächtigen italienischen Industrieverbands: „Wir brauchen eine Regierung, die sich um die wahren Probleme des Landes kümmert und nicht um ihre internen Streitereien. Das interessiert uns nicht!“ Sie muss innehalten, um das Klatschen abflauen zu lassen: „Uns interessieren Wachstum, Arbeit und Bildung“, reiht sie die Prioritäten auf.

Emma Marcegaglia steht an der Spitze eines Verbands, der in Italien so mächtig ist wie die deutschen Industrieverbände BDI und BDA zusammen. Damit hat sie ein gewaltiges Wort in Wirtschaft und Politik mitzureden. Und sie ist neben dem Zentralbankgouverneur Mario Draghi eine der wenigen verlässlichen Stützen der Gesellschaft des Mittelmeerlands. Sie, die parteipolitisch nicht zuzuordnen ist, verfolgt die Interessen der Wirtschaft und geht auch mit Premier Silvio Berlusconi hart ins Gericht, der in den vergangenen Monaten vor allem mit seinem internen Widersacher Gianfranco Fini und seiner Justizreform beschäftigt ist.

Die 44-Jährige ist nach Mailand gekommen, um die wichtige Textilmesse „Milano Unica“ einzuweihen, und spricht vor einem Publikum, dessen Expertise bei Baumwolle, Seide und Kaschmir liegt. Sie selbst hat mit feinen Stoffen von ihrer Herkunft her eher wenig zu tun: Die zierliche Frau kommt aus der Stahlindustrie. Die ersten Schritte machte die Managerin mit MBA im väterlichen Stahlunternehmen. Seit 2008 steht sie an der Spitze der Confindustria.

Sie ist damit die erste Frau, die seit der Gründung im Jahr 1919 den Verband führt. „Sie haben nicht nur fast hundert Jahre gewartet, bis sie eine Frau ernannt haben. Sie haben auch gewartet, bis die schlimmste Krise aller Zeiten ausbricht“, sagte sie einmal halb im Scherz. Als Confindustria-Chefin ist die Mutter einer siebenjährigen Tochter seit ihrem Amtsantritt vor allem Krisenmanagerin. Dabei ist sie stets auf politische Unabhängigkeit bedacht: Berlusconi erteilte sie eine Absage, als er sie nach dem Rücktritt seines Industrieministers Claudio Scajola im Mai als Nachfolgerin umwarb. Eingeschnappt mahnte Berlusconi daraufhin, dann dürften sich die Unternehmer auch nicht über die Regierungspolitik beschweren.

Doch gerade das tut Marcegaglia beharrlich: Von Anfang an fordert sie von Berlusconi, dringend nötige Reformen anzupacken und die Bürokratie abzubauen. Gestern rief sie die Regierung auf, sich ein Beispiel an Deutschland zu nehmen: „Ein Sparpaket von 80 Milliarden, aber sie investieren in Forschung und Bildung!“ schwärmt sie und fordert, in Italien eine Milliarde Euro in die Forschung zu stecken.

Es ist jedoch nicht nur die Regierung in Rom, die ihre Kritik abbekommt: In der Griechenland-Krise warf sie als Ehrengast der Hannover-Messe den Deutschen Egoismus vor. Auch scheute sie in der Vergangenheit nicht den Konflikt mit dem damaligen Zentralbankchef Antonio Fazio, als der den Unternehmern vorwarf, zu viel zu verdienen.

Marcegaglia ist für ihre klare Sprache bekannt: Als sie mit 28 Jahren zur stellvertretenden Präsidentin der Jungindustriellen gewählt wird, erwirbt sie sich schnell den Spitznamen „Black & Decker“ für ihre Hartnäckigkeit. Parallel steigt sie im väterlichen Stahlunternehmen auf. „Sie war immer sehr gut vorbereitet“, berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter, „und sie war kein verwöhntes Kind vom Chef.“

Auch wenn die Frau, die einmal Primaballerina werden wollte, stets ein Lächeln auf den Lippen trägt, kann sie „sehr tough sein, wenn es darauf ankommt“, berichten Weggefährten. Das bekommt auch die Mafia zu spüren: Wer als Unternehmer Schutzgeldforderungen nicht meldet, fliegt aus dem Verband raus. Da ist sie stählern.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin

Kommentare zu " Emma Marcegaglia: Die Frau, die Silvio Berlusconi widersteht"

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  • Recht hat sie ja, wenngleich italien seit bestehen der Demokratie sich mit interna herumzuschlagen hatte, mehr als daß man sich um das große Ganze kümmern konnte. Da spielt eher die italienische Mentalität eine Rolle, der berlusconi jedenfalls erfolgreich zu trotzen vermochte, soweit die Dauer der Amtsperioden italienischer Regierungen betroffen ist. Nie zuvor gelang es einer Regierung, viel länger als ein Jahr im Amt zu bleiben. Diese traurigen Rekorde hat berlusconi erfolgreich beenden können. Er ist mit seiner Regierung schon wiederholt bis ans Ende der Wahlperiode gelangt. Glückwunsch.

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