Ende einer Liebe
Facebook-Mann neuer Myspace-Chef

Monatelang musste News-Corp.-Eigner Rupert Murdoch ohnmächtig mit ansehen, wie seine Social-Network-Tochter Myspace gegenüber Facebook an Boden verlor und schließlich überholt wurde. Jetzt reicht es dem Medienmogul: Nachdem er die Myspace-Gründer aufs Abstellgleis gesetzt hat, holt er sich einen neuen Kapitän an Bord seines Web 2.0-Schiffs - und der kommt ausgerechnet vom Erzrivalen.

KÖNIGSTEIN/DÜSSELDORF. Rund 300 Millionen Nutzer klicken inzwischen nach Angaben der Marktforscher von Comscore jeden Monat die Facebook-Seiten an, Myspace kommt gerade noch auf die Hälfte. Jetzt zieht Murdoch die Reißleine, offenbar traut er den Gründern Chris DeWolfe und Tom Anderson nicht mehr zu, Myspace in eine bessere Zukunft zu führen: DeWolfe tritt als Vorstandschef zurück und soll nur noch als strategischer Berater arbeiten. Das teilte Myspace am Donnerstag mit.

Offenbar steht der Nachfolger bereits fest: Laut „Wall Street Journal“ soll der frühere Facebook-COO Owen Van Natta bei Myspace eine neue Erfolgsgeschichte schreiben. Das „Wall Street Journal“ gehört Murdoch. Auch der Posten des derzeitigen Präsidenten Tom Anderson wackelt. Über seine künftige Rolle wird hinter den Kulissen verhandelt.

Mit dem Abgang des Betriebswirts Chris DeWolfe verlässt ein Nonkonformist die Kommandobrücke des Online-Netzwerks, bei dem Nutzer persönliche Seiten mit ihrem Foto und ihren Daten anlegen können. Der 43-Jährige lässt sich im Gegensatz zur geschwätzigen Web-2.0-Szene nur selten auf den weltweiten Treffpunkten der Internetgemeinde sehen. Weder ist er ein in sich gekehrter Technik-Frickler wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, noch ein dauerfröhlicher Kumpeltyp wie Digg.com-Chef Kevin Rose. Myspace mit insgesamt 1 000 Mitarbeitern sitzt auch nicht im Silicon Valley oder an der US-Ostküste, sondern in der Film- und Fernsehmetropole Los Angeles. Dort ist auch der Mutterkonzern News Corp. mit seinem Hollywood-Studio 20th Century Fox präsent.

Erst im vergangenen Jahr öffnete Myspace ein großes Büro in San Francisco und residiert seitdem in einem umgebauten Lagerhaus. Als dort im vergangenen Herbst die Programmierer-Gemeinde einen Einblick in neue Möglichkeiten erhält, fremde Anwendungen auf Myspace zu integrieren, steht DeWolfe fast unbeteiligt in der Menge. Spricht ihn jemand an, ringt er sich ein paar höfliche Worte ab. Doch sein leicht herablassender Blick signalisiert: Eigentlich interessiert mich das alles nicht.

Diese Haltung muss man sich leisten können. Und lange konnte DeWolfe das auch. Er hatte mit seinem Freund Tom Anderson 2003 ein Social Network erschaffen, das schnell zum größten der Welt aufstieg, und es zwei Jahre später für sagenhafte 580 Mio. Dollar an Murdoch verkauft. Der Medien-Tycoon war entzückt von seiner Web-Tochter mit einem geschätzten Umsatz von einer Mrd. Dollar, nicht nur weil sie schwarze Zahlen schrieb. Angeblich rauschte er gern mal unerwartet in die Myspace-Zentrale und ließ sich von geschockten Mitarbeitern erklären, was sie denn den Tag über so trieben.

Doch die Zeit der Liebe ist vorbei. Zwar ist Myspace mit 70 Millionen Nutzern im Heimatmarkt USA noch die Nummer eins. Doch auch hier ist Facebook dem Konkurrenten dicht auf den Fersen. Verlierer mag Murdoch nun mal nicht – da findet die Zuneigung schnell ein Ende.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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