Enron-Prozess
Verbissene Kontrahenten

Der ehemalige Enron-Präsident Skilling lieferte sich nach einem relativ zivilen Kreuzverhör am Montag einen Tag später giftige Wortgefechte mit der Staatsanwaltschaft, in deren Verlauf sich immer stärker herausschält, dass beide Seiten die Geschichte der spektakulärsten Firmenpleite in der US-Geschichte diametral unterschiedlich sehen.

thk/WSJ HOUSTON. „Nein, lassen Sie uns nicht zum nächsten Punkt gehen“, brüllt Jeffrey Skillings Chefankläger Sean Berkowitz entgegen, während seine Hand wie die eines Karatekämpfers die Luft des Gerichtssaals durchschneidet. Spätestens in diesem Moment wurde Dienstag klar, dass sich die Atmosphäre im Prozess um den Niedergang des Energiehändlers Enron gewaltig aufheizt.

Skilling und Ex-Chairman Kenneth Lay werden Verschwörung und Betrug vorgeworfen. Nach dem Aus des texanischen Unternehmens Ende 2001 waren Bilanzfälschungen bekannt geworden. Außerdem hatte sich das Top-Management kurz vor dem Aus noch kräftige Sonderzahlungen gegönnt. Unter anderem hatte Lay eine Abfindung von 205 Millionen Dollar erhalten.

Skilling behauptet im Gerichtssaal nun mit Vehemenz, Enron habe niemals Verluste verschleiert. Er wirft der Anklage vor, gewöhnliche Buchungsvorgänge zu missdeuten und die technische Komplexität der Führung eines Großunternehmens zu unterschätzen.

Ankläger Berkowitz dagegen zeichnet immer wieder das Bild eines hoch defizitären und im Tagesgeschäft desorganisierten Unternehmens, das, angetrieben von den beiden Angeklagten, seine Einnahmen überhöht darstellte und seine Verluste verschleierte.

Wie zwei Wölfe verbissen sich Skilling und Berkowitz am Dienstag in Großes wie Kleines, selbst, ob im Geschäftsbericht der Begriff „ökonomisches Risiko“ gleichzusetzen ist mit „Buchungsrisiko“ war ein Streitthema. Immer wieder unterbrachen sich die beiden, was Richter Sim Lake regelmäßig rügte.

Auch an giftigen Bemerkungen mangelte es nicht. Nachdem Skilling mehrfach behauptete, auf Reisen oder nicht im Raum gewesen zu sein, wenn kitzlige Themen in Enron-Gremien besprochen wurden, mokierte sich Berkowitz über „praktische Abwesenheiten“ und giftete: „Wenn Sie nicht in der Stadt waren, gingen wohl die Lichter aus.“

Skilling dagegen demonstrierte mehrfach besseres Fachwissen als Berkowitz. Einigen Zeugen der Anklage warf er sogar Lüge vor.

Sein selbstsicheres Auftreten bekam aber Risse, als es um Finanzkonstrukte ging, die nach Meinung der Anklage einen Verlust im ersten Quartal 2001 verschleiern sollten, jedoch Ende 2000 in sich zusammenzufallen drohten. Dies wurde explizit bei einer Enron-Vorstandssitzung diskutiert, bei der Skilling auf der Anwesenheitsliste zu finden ist. Er könne sich nicht daran erinnern, gab der Ex-Präsident zu Protokoll. Außerdem seien jene Konstrukte zur Absicherung von Gewinnen gegen Marktrisiken erdacht worden, nicht um Verluste zu verstecken.

Und noch einen weiteren Trumpf zog Berkowitz aus dem Ärmel: das Protokoll eines offiziellen Gesprächs mit Analysten aus dem April 2001. Aus diesem hatte Skilling nachträglich eine bestimmte Passage tilgen lassen. In dieser waren mutmaßliche Verluste aus der damals als profitabel geltenden Telekommunikationstochter angesprochen worden. Die Staatsanwaltschaft wertet dies als Hinweis, dass schon früh versucht wurde, damals schon existente Probleme des Gesamtkonzerns unter den Teppich zu kehren.

Auch am Mittwoch sollte Skilling zunächst weiter befragt werden. Anschließend steht der Auftritt dreier Zeugen an, die über seinen Charakter berichten sollen.

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