Entscheidung über Siemens-Chef in Kürze erwartet
Reitzle weicht bei Siemens-Frage aus

Der Chef des Gase-Herstellers Linde, Wolfgang Reitzle, hat mit einer E-Mail an seine Führungskräfte Spekulationen im Unternehmen genährt, er denke weiter über einen Wechsel an die Siemens-Spitze nach. Die Mail liegt dem Handelsblatt vor.

DÜSSELDORF/MÜNCHEN. Zwar bekräftigt Reitzle, der als Favorit von Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme für den Siemens-Chefsessel gilt, in dem Schreiben sein Engagement für Linde. Es sei sein „fester Wille“, die Herausforderungen gemeinsam anzupacken und seine Verantwortung als Vorstandschef zu erfüllen. Industriekreise merken aber an, er schließe in dem Text den Wechsel zu Siemens nicht definitiv aus. Cromme soll weiter um Reitzle werben und auf eine schnelle Entscheidung drängen.

Die Entscheidung über die Nachfolge des bisherigen Siemens-Chefs Klaus Kleinfeld steuert auf eine Entscheidung zu. Mit allem Nachdruck und höchster Intensität, heißt es in Unternehmenskreisen, sucht der neue Aufsichtsratschef Gerhard Cromme nach einer Lösung für die Spitze des Traditionskonzerns. „Das muss ein Befreiungsschlag werden“, verlautete gestern aus dem Umfeld des Konzerns, Cromme werde schnell entscheiden: „Wir rechnen eher in Tagen als in Wochen.“

Cromme, der den vor drei Wochen zurückgetretenen Aufsichtsratsvorsitzenden Heinrich von Pierer abgelöst hat, muss Siemens schnell wieder eine Führung geben. Unter anderem leidet Siemens schwer unter den Folgen mehrerer Korruptionsskandale. Das ist einer der Gründe dafür, dass der Aufsichtsrat Ende April darauf verzichtete, Kleinfelds Vertrag vorzeitig zu verlängern. Der kündigte daraufhin seinen Rückzug an.

Für Cromme ist die Situation seit dem angekündigten Rückzug Kleinfelds am 25. April mit fast jedem Tag schwieriger geworden. Der Druck auf den Aufsichtsratschef, der sich vor einer Woche sogar laute Kritik aus den Reihen der Siemens-Führungskräfte gefallen lassen musste, ist ständig gewachsen. Offenbar versuchen einflussreiche Kreise im Siemens-Umfeld, die Reputation Crommes zu beschädigen. Dazu passten Medienberichte von gestern, der Aufsichtsratschef habe sich entschlossen, übergangsweise selbst an die Spitze von Siemens zu rücken. Diese Gerüchte machen bereits seit Wochen die Runde, sie wurden gestern im Umfeld des Aufsichtsratschefs hart dementiert. „Völliger Unsinn“, hieß es.

Dagegen spricht noch immer viel für die Reitzle-Lösung. Auf den ersten Blick scheint der Linde-Chef, der den Traditionskonzern neu aufstellte und auf das Industriegasegeschäft konzentrierte, Crommes mehrfachen Avancen tatsächlich die kalte Schulter gezeigt zu haben. Noch in dieser Woche, berichten Aufsichtsratskreise von Linde, habe Cromme erneut bei Reitzle angefragt – ohne konkretes Ergebnis.

Bei Linde stieß der Brief auf unterschiedliches Echo. Manche sehen darin eine Bekräftigung des Engagements von Reitzle für den Gase-Hersteller. Andere erklären, entscheidend sei der Satz, der fehle: Reitzle werde ein mögliches Angebot, Siemens-Chef zu werden, eben nicht definitiv ablehnen.

Derzeit ringen hinter den Kulissen der Linde AG führende Kräfte um eine vorzeitige Auflösung von Reitzles Vertrag. Während Aufsichtsratschef Manfred Schneider von Reitzle erwartet, seine Integrationsaufgaben nach der Übernahme des britischen Konkurrenten BOC zu vollenden, heißt es von den Großaktionären Allianz und Deutsche Bank, sie befürworteten die Freigabe Reitzles.

Dies wird dort allerdings offiziell bestritten. Sowohl Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann als auch der Aufsichtsratschef der Allianz, Henning Schulte-Noelle, sitzen im Aufsichtsrat von Siemens.

Europas größtes Technikunternehmen sieht sich in Deutschland einer Reihe staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen gegenüber. Auch die amerikanischen Behörden haben wegen mehrerer Korruptions-Skandale Untersuchungen eingeleitet.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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