Entscheidungsangst
Wenn Mutti streikt

Expertenteams sind eine Erscheinung der heutigen Zeit. Davon kann man sich nicht nur rund um die Uhr im Fernsehen überzeugen, sondern auch im wahren Leben: Männer in Führungspositionen haben Angst vor Modegeschäften und trauen ihrem Geschmack nicht. Sie delegieren ihre Ängste – in diesem Fall an Personal Shopper.

Heute braucht man für alles Experten, und was proktologische, meteorologische oder elektronische Probleme angeht – sind sie wichtig, willkommen und bestimmt unentbehrlich. Wozu aber bitte schön braucht es eine Super-Nanny, um Mittwoch für Mittwoch der Nation zu erklären, dass Kevin sich nur relativ mäßig entwickelt, wenn er jeden Morgen erst um zehn aufsteht, zum Frühstück Bier und Glotze kriegt und zum Mittagessen Dose und Computer?

Wozu braucht es eine „Einrichtungsexpertin von RTL“, die uns erklärt, dass Schrankwand plus Teppich plus Plüsch ein Wohnzimmer schwer und unbeweglich machen, Halogen, Glas und Bambus dagegen licht und lauschig?

Verlangen selbst die einfachsten Dinge, die ganz biederen Stinknormaler-Menschenverstand-Probleme einen ausgebildeten Spezialisten, der sich mit Kraft seiner Autorität ins Zeug wirft und sagt: „Ich denke mal, wenn es regnet, kann es nass werden.“?

Und jetzt sage bitte keiner: „Ja nun, das betrifft ja nur einen minderen Teil unserer sonst ausgebildeten, mündigen Gesellschaft.“

Keine Zahnarztgattin traut sich heute ohne Landschaftsgärtner einen Rhododendron neben ihren Ginster zu pflanzen, kein Promi macht mehr ohne Personal Coach (und RTL) FDH. Und kein Manager von Welt kauft Socken und Anzug ohne Mutti. Wenn diese allerdings streikt, dann wird es Zeit für den Personal Shopper. Einen ausgebildeten Spezialisten, der sich die Stunde mit mindestens 50 Euro vergüten lässt, um in ein Herrensocken-Spezialgeschäft zu gehen und mit Inbrunst „sechs mal Größe 45, anthrazit und als Baumwoll-Merino-Gemisch“ zu verlangen. Ja, und natürlich kauft er auch Anzüge und Jacken und zur Not auch Hochzeitstagsgeschenke, alles eben, wozu der gestresste und in diesem Moment wirklich einmal entscheidungsschwache Herr Manager meint, keine Zeit haben zu dürfen.

Zur gleichen Zeit liest dieser dann die Bild-Zeitung, „um sich zu informieren, wie das Volk so tickt“, oder lässt sich auf einen jovialen Plausch mit dem Chauffeur ein, um hinterher in der Vorstandsetage genau damit zu prahlen. Erstens: Ich lasse meine Kleider kaufen, zweitens: Ich habe zu wenig Zeit, es selbst zu tun, drittens: Ich verliere trotzdem natürlich nicht den Kontakt zur Basis.

Oh Mann. Jetzt mal als Frau gesprochen: Wenn all die busy men wüssten, wie unerotisch eigentlich ein Personal Shopper ist, wie unselbstständig das Delegieren, wie feige es ist, sich von einem Modeexperten stilsicher beraten zu lassen, anstatt sich auf sein eigenes Gespür und zur Not auch auf seine eigene Entscheidungsunsicherheit einzulassen.

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