Eon
Die Kür des Kronprinzen

Eon-Chef Bernotat macht Johannes Teyssen zu seinem Stellvertreter. Noch wirkt der groß gewachsene Mann fast ein wenig schüchtern. Doch er soll Bernotat den Rücken im Energiekonzern freihalten – und sich für noch höhere Aufgaben empfehlen.

DÜSSELDORF. Der Ort für die öffentliche Beförderung könnte nicht persönlicher sein. Eon-Chef Wulf Bernotat hat in seine neue Villa in Essens wohlhabendstem Stadtteil Bredeney geladen. Gerade mal acht Wochen wohnt er hier in einem hellen, modernen Haus mit Wärmepumpenheizung und Solarkollektoren. Zum traditionellen „italienischen Abend“ sind die Journalisten gekommen, die regelmäßig über Eon berichten. Einziger Gast aus dem Top-Management ist Johannes Teyssen, der Chief Operating Officer (COO).

Bevor bei Steinpilz-Risotto und Osso Bucco vom Milchkalbskarree tiefschürfende Hintergrundgespräche beginnen, verkündet Bernotat in seiner kurzen, einführenden Rede die Personalie: Teyssen wird stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Wenn der Aufsichtsrat zustimmt, woran kein Zweifel besteht, ist der groß gewachsene Mann, der bei Bernotats Worten am Nebentisch sitzt und fast schüchtern etwas nach unten blickt, ab dem ersten März kommenden Jahres auch offiziell das, als was er ohnehin seit langem gilt: die Nummer zwei bei Deutschlands größtem Energiekonzern – und der Kronprinz für die Nachfolge des 59-jährigen Bernotat.

Bereits seit April ist Teyssen als COO fürs Tagesgeschäft zuständig. Er soll seinem Chef den Rücken für die großen Strategiefragen sowie die zermürbende politische Debatte freihalten. Und für die Diskussion über Strom- und Gaspreise, die Auseinandersetzung mit Verbrauchern, Politikern und Wettbewerbshütern will Bernotat jetzt noch mehr Freiräume haben, wie er am Montagabend ankündigt. Denn da entscheide sich künftig der unternehmerische Handlungsspielraum für Eon.

Der 48-Jährige muss dafür sorgen, die konzerninternen Abläufe an diese sich rasch ändernden Rahmenbedingungen anzupassen. Regulierung, Klimaschutz und zunehmender Wettbewerb machen das Geschäft immer komplizierter. Selbst der vor Kraft strotzende Energiekonzern muss in einzelnen Bereichen die Kosten senken, um seine Marktanteile halten zu können. Teyssen, wie sein Vorgesetzter promovierter Jurist, ist für die Führung, Steuerung und Koordination des gesamten operativen Geschäfts des Konzerns verantwortlich. Vor allem muss er die Führungsgesellschaften integrieren, die sich im letzten Jahr durch Zukäufe und Umstrukturierungen auf zehn verdoppelt haben. Neue Märkte hat Eon in Spanien, Frankreich und Russland aufgetan und die erneuerbaren Energien in einer Gesellschaft gebündelt.

Bernotat hat im vergangenen Jahr die Führung kräftig umgebaut und nach seinen eigenen Worten jetzt das „Vorstandsteam für die Zukunft“ gefunden. Wenn im kommenden Jahr der altgediente Ruhrgas-Chef Burckhard Bergmann ausscheidet, wird im Vorstand kein Chef mehr einer Tochtergesellschaft sitzen. Dafür wird sich einmal im Monat das neue Top Executive Committee treffen. Dort grübeln die künftig fünf Mitglieder des vergleichsweise schlanken Vorstandes mit den zehn Vorsitzenden der zehn internationalen Führungsgesellschaften über die Strategie.

Die Leitung der Sitzung behält sich selbstverständlich Bernotat vor. Die Aufgaben sind schließlich klar verteilt. Auch in der Öffentlichkeit muss sich die Nummer zwei zurückhalten. Dabei hat sich der glänzende Rhetoriker noch in seiner alten Tätigkeit als Chef von Eon Energie, in der unter anderem der Vertrieb in Deutschland zusammengefasst ist, in der öffentlichen Debatte profiliert. Teyssen erkannte früher als viele Kollegen, dass die Branche mit mehr Transparenz auf die scharfen Manipulationsvorwürfe reagieren muss. Als eine erste Protestwelle über die Branche schwappte, versuchte er ein Preismoratorium zu organisieren – letztlich aber erfolglos.

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