Erdwärme-Bohrungen
Josef Daldrup: Lieber tief als flach

Der westfälische Unternehmer Josef Daldrup hat aus einer ehemaligen Schmiede eine der größten Firmen für Erdwärme-Bohrungen aufgebaut. Jetzt gewinnt er ein Prestigeprojekt in Berlin - und muss sich erst an die Szene in der Hauptstadt gewöhnen.

BERLIN. Amüsiert beobachtet Josef Daldrup im „Café Einstein“ die Strippenzieher und Wichtigtuer. Im allerersten Treffpunkt der Berliner Politik- und Lobbyistenszene ist er – mittelgroß, mittelgrau, kein Einstecktuch, kein Gel im Haar – so etwas wie der Sparkassenfilialleiter unter lauter Showmastern. Und noch bewegt er sich unsicher im Revier der Politiker, Verbandsfürsten und Berater.

Aber das wird sich ändern. Künftig wird er häufiger in Berlin sein. Denn mit dem Europäischen Energie-Institut (Euref) hat Josef Daldrup endlich ein Vorzeigeprojekt in der Hauptstadt im Angebot. Der Spezialist für Tiefenbohrungen wird dafür sorgen, dass das Institut, das einmal das europäische Schaufenster für erneuerbare und konventionelle Energien werden soll, mit Wärme aus der Erde versorgt wird. Er bohrt 3,5 Kilometer in die Tiefe, um 165 000 Quadratmeter Bürofläche zu beheizen. Ein prestigeträchtiger Auftrag.

Lange Zeit kannten nur ein paar Insider den westfälischen Unternehmer und seine Daldrup & Söhne AG aus Ascheberg bei Münster. Doch dann, am 30. November 2007, brachte er es an die Börse – schon für damalige Verhältnisse ein Erfolg an sich, weil bereits zu dieser Zeit Börsengänge reihenweise abgesagt wurden. Und im Januar 2009 landete er einen weiteren Coup: Mit der RWE-Tochter RWE Innogy gründete er ein Joint Venture, um Erdwärmekraftwerke zu entwickeln und zu bauen. Heute gehört das Ascheberger Unternehmen zu den großen Anbietern von Geothermiebohrungen in Europa.

Josef Daldrup, gelernter Brunnenbau-Meister, 55 Jahre alt, kommt nicht aus der Öko-Ecke und würde sich nie als Visionär bezeichnen. Aber bei der Geothermie haben ihn schlicht die Fakten in ihren Bann gezogen: In weiten Teilen Deutschlands und vielen europäischen Ländern sind die geologischen Voraussetzungen gut bis optimal, um mit heißem Wasser aus der Tiefe zu heizen und Strom zu erzeugen. Gleichzeitig erwarten sämtliche Experten, dass das Preisniveau für Energierohstoffe mittel- und langfristig hoch sein wird.

Vor zwanzig oder dreißig Jahren dachte Daldrup noch nicht an Geothermie. Sein Vater fängt nach dem Krieg als Schmied an und bohrt hin wieder auch Brunnen, zum Beispiel für Kurbäder. Nach dem frühen Tod des Vaters übernimmt Daldrup den Betrieb. Erst vor rund zehn Jahren gewinnt das Thema Geothermie für ihn an Bedeutung. Die Bohrungen werden immer aufwendiger, die Anfragen häufen sich.

Heute interessiert sich ein niederländischer Großbetreiber von Gewächshäusern ebenso wie die Stadt München dafür, mit der Wärme aus der Erde klimafreundlich zu heizen oder Strom zu produzieren.

Mittlerweile bohrt Daldrup in verschiedenen europäischen Ländern. Er gehört zu den wenigen Unternehmern mit dem entsprechenden technischen Gerät – und der erforderlichen Erfahrung. Die Anfragen, die auf sein Unternehmen einprasseln, kann er kaum mehr bewältigen.

Was ist zu tun? Daldrup ist ein echter Westfale, Überschwang ist ihm fremd. Also bleibt er zurückhaltend. Ja, natürlich wolle er wachsen – aber kontrolliert. „Wir denken nicht in Quartalen, wir denken in Generationen.“ Das Unternehmen werde „auf keinen Fall explodieren“, sagt Daldrup, der seine drei Söhne am Betrieb beteiligt hat. Die Familienmitglieder halten gut zwei Drittel der Anteile, der Rest befindet sich in Streubesitz. Daher bestimmt die Familie den Kurs, nicht der Kapitalmarkt. So soll es auch bleiben. Der Börsengang brachte den Daldrups Geld für neue Großbohrvorrichtungen.

Gegenüber Bankschulden empfindet Daldrup „eine gewisse Abneigung“. Er will sich von keinem Bankmanager reinreden lassen. Sein Unternehmen habe noch nie Schulden gehabt. „Bei der Bank haben wir Festgeld, aber keine Kredite“, bemerkt Daldrup nicht ohne Stolz.

Das Gebaren von Investmentbankern und Unternehmensberatern ist ihm eher wesensfremd. Er lässt sich nicht von Power-Point-Präsentationen blenden, nicht von schicken Empfangshallen der Konzernzentralen und anderem Oberflächlichen. Er mag es lieber tief als flach.

Daldrup verlässt sich auf die gut ausgebildeten Handwerker in seinem Unternehmen. Man sieht ihn häufiger mit Bauhelm als mit Aktenkoffer. Wenn es an einer Bohrstelle Komplikationen gibt, will Daldrup für die Leute vor Ort auch am Wochenende erreichbar sein.

Ja, der Internetauftritt seines Unternehmens kommt recht hausbacken daher. Und Josef Daldrup hat auch keine Assistenten oder Referenten, nicht einmal eine Rechtsabteilung. Und seine Sekretärin arbeitet auch für andere Manager im Haus. Was kann daran falsch sein? Es besteht die Gefahr, dass Daldrup sich übernimmt. „Er muss beginnen zu delegieren und sollte doch vielleicht gelegentlich den einen oder anderen Berater beschäftigen“, sagt einer, der ihn seit längerem beobachtet.

Schon vor Jahren sind auch die Großen auf Daldrup aufmerksam geworden. So halten sich Gerüchte, ein namhafter Energiekonzern habe Daldrups Unternehmen komplett übernehmen wollen. Doch dafür ist der Westfale nicht zu haben. Er bohrt lieber allein weiter. Mit seinen drei Söhnen und 150 Mitarbeitern.

Josef Daldrup

1953 Josef Daldrup kommt am 14. Dezember im Münsterland zur Welt. Er macht später seinen Meister als Wasserbrunnenbauer. Er steigt 1976 in das Unternehmen seines Vaters ein, der 1946 eine Schmiede in Ascheberg/Münsterland gründete.

1982 Josef Daldrup konzentriert die Firma auf Tiefbohrtechnik.

1995 Er setzt erstmals seine Tiefbohrtechnik für die Heißwassergewinnung ein.

2007 Am 30. November bringt Daldrup das Unternehmen an die Börse. Gut zwei Drittel der Aktien bleiben in der Hand der Familie.

2009 Im Januar kündigen Daldrup und RWE die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens an, um Erdwärmekraftwerke zu entwickeln und zu bauen.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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