Erfolgsstory Odol
Weit mehr als ein Hauch von Erfolg

Karl August Lingner positionierte schon vor über 100 Jahren Odol nicht nur als Mundwasser, sondern auch als Lifestyle-Produkt.

DÜSSELDORF. Eine Schwäche für das Besondere hatte Karl August Lingner zweifelsohne. Das schlug sich auch in den teils obskuren Haushaltsprodukten nieder, die er ab 1888 mit seinem kleinen Betrieb zu verkaufen suchte. In einer Gartenlaube in Dresden stellte er mit einem Kompagnon Federreiniger, Dochtputzer, Stiefelzieher und eine Tischsenfpumpe her. Die zündende Idee war nicht dabei. Die kam eines Tages mit dem Vorschlag, des Chemikers Richard Seifert. Der hatte ein Antiseptikum entwickelt und fragte Lingner, ob er dieses vertreiben wolle.

Erst in jenen Tagen erkannte die breite Öffentlichkeit die Bedeutung von Hygiene für die Gesundheit. Als größte Schwachstelle, weil am ehesten empfänglich für Krankheitserreger sah man damals den Mund. Lingner, der krankheitsbedingt ein Musikstudium in Paris hatte abbrechen müssen, war schnell Feuer und Flamme. Er ahnte den möglichen Massenmarkt der noch immer weitgehend vernachlässigten Zahn- und Mundpflege.

Mit Seifert entwickelte er dessen Rezeptur zu einem antiseptischen Mundwasser weiter. Aber wie konnte man die Massen erreichen? Lingner, kaufmännisch ausgebildet, fand die Antwort. Ohne es zu wissen, arbeitete er alle Punkte ab, die viele Jahrzehnte später Marketing-Lehrbücher als Voraussetzungen vorbildlicher Produktgestaltung und -vermarktung verhandeln sollten: Name, Verpackung, Produkteigenschaften, Werbung, Verkaufsförderung, Öffentlichkeitsarbeit, Vertrieb: Er bedachte alles und er verlieh dem neuen Produkt in vielerlei Hinsicht einen unverwechselbaren Charakter. Zu jener Zeit hätte fast jeder einen prosaisch beschreibenden Produktnamen gewählt, etwa „Lingners Mundwasser“ und er hätte die zu verkaufende Flüssigkeit in einer kleinen handelsüblichen Flasche abgefüllt.

Doch Lingner machte alles anders. Er gab dem Produkt einen besonderen Namen: Odol – und verschmolz darin das griechische Wort für Zahn, Odous, mit der lateinischen Bezeichnung für Öl, Oleum. Dass der Name Odol auch eine Nähe zu der poetischen Bezeichnung für Atem – Odem – hatte, war ein willkommener Nebeneffekt. Von Anfang an sollte Odol nicht bloß ein Mundwasser sein, nicht nur der Gesundheit dienen, sondern guten Atem verleihen, zu angenehmem Auftreten verhelfen. Odol machte Freunde, wie die Werbung verhieß, war ein frühes Lifestyle-Produkt. Ab 1900 warb Lingner mit dem berühmten Versprechen „Odol gibt sympathischen Atem“ und ließ das in breit angelegten Anzeigen- und Plakatkampagnen alle wissen. Odol hatte Wiedererkennungswert und den trieb Lingner zur Perfektion, indem er dem Produkt ein unverwechselbares Markenbild verlieh: Die Flasche von Odol zeigte schon von Anfang an mit ihrem Schwanenhals 1893 eine unverwechselbare Silhouette.

Lingner wurde reich. Er kaufte ein Schloss im Engadin und eine Villa auf den Elbhängen über Dresden. In beiden Anwesen ließ der gescheiterte Musiker eine riesige Orgel installieren. Auf der in Dresden spielte er sonntags für seine Familie. Alles seins – und er verdankte es einem besonderen Produkt und seiner genialen Fähigkeiten als Vermarkter.

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