Ernest-Antoine Seillière, Chef von Wendel Investissements
Traditionalist mit Ausdauer

Im Haifischbecken der Hochfinanz sind erfolgreiche Familienunternehmen so etwas wie Exoten. Der französische Private-Equity-Fond begann vor 300 Jahren in der Stahlindustrie, hat allen Krisen getrotzt und schaffte vor wenigen Jahren sogar den großen Coup. Chef des Unternehmens ist mit Baron Ernest-Antoine Seillière jemand, der ursprünglich ganz andere Ziele angepeilt hatte.

PARIS. Der Haupteingang ist leicht zu verfehlen: Ein schwarzes, offen stehendes Stahltor ohne Namensschild gibt Einlass zu einem kleinen, gepflasterten Weg, der zum Gebäudeeingang der Hausnummer 89 an der Rue Taitbout führt. Der kleine Hof wird von einem riesigen Baum dominiert, dessen Äste bis auf den Metallzaun herunterhängen. Dass hier Frankreichs ältester Finanzinvestor Wendel Investissement – kurz: Wendel – residiert, lässt sich nur schwerlich ahnen.

Schlicht zeigt sich auch das Innere des Hauptsitzes des Finanzimperiums, dem namhafte Unternehmen wie Editis, zweitgrößter Verleger Frankreichs oder der Siemens-Konkurrent Legrand gehören. Von einem schmalen Flur mit einem etwas angegrauten Teppichboden führt seitlich eine noch schmalere Holztür zum Büro von Ernest-Antoine Seillière. Der Baron steht dem Finanzimperium in Familienhand in der neunten Generation vor. Der breiten Öffentlichkeit ist er als wortgewaltiger Ex-Präsident des französischen Arbeitgeberverbandes Medef bekannt.

Ein familiengeführter und zudem börsennotierter Privat-Equity-Fonds, der 1704 gegründet worden ist – hat so etwas überhaupt eine Chance gegen die Branchenriesen wie KKR oder Blackstone? Seillière setzt ein überlegenes Lächeln auf und lehnt sich in seinem Lederstuhl zurück: „Die Tatsache, dass wir familiengeführt sind, stellt einen echten Wettbewerbsvorteil dar“, sagt der Wendel-Präsident; bei der Übernahme des US-Unternehmens Deutsch, einem Zulieferer der Rüstungs- und Verteidigungsbranche, habe die Familienstruktur den entscheidenden Ausschlag gegeben. Der Verkäufer von Deutsch war die Gründerfamilie. Und diese habe nicht an irgendeinen x-beliebigen Finanzinvestor verkaufen wollen, sagt Seillière.

Bei Wendel hat seit über 300 Jahren die Familie das Sagen. „Und es steht außer Frage, das zu ändern“, sagt Seillière. Das Tagesgeschäft hat die Familie indes an einen Profi delegiert: Seit 2005 leitet Jean-Bernhard Lafonta, ein Ex-Banker von BNP Paribas, als Vorstandschef die Geschicke der Gruppe. Heute zählen Unternehmen mit einem Wert von knapp sieben Mrd. Euro zum Imperium.

Mit einer Mischung aus Geschick, Glück und viel Anpassungsfähigkeit haben die Wendels den großen Verwerfungen der vergangenen 300 Jahre getrotzt. Reich geworden ist die Familie ursprünglich in der Stahlindustrie. Allerdings wäre das Imperium daran um ein Haar zugrunde gegangen.

Am 8. Mai 1704 kaufte Jean-Martin Wendel eine Eisenhütte in Lothringen für 3 200 Pfund. Der Gutachter bescheinigte dem Werk damals „im denkbar schlechtesten Zustand“ zu sein. Das hinderte die Wendels aber nicht daran, zu einem der wichtigsten Arbeitgeber der Region zu werden. Zwei Jahrhunderte später produzierte das Familienunternehmen bereits mehr als ein Drittel der französischen Stahl- und Eisenproduktion und beschäftigt 23 000 Mitarbeiter – und das, obwohl sie wegen der Ereignisse der französischen Revolution zwischenzeitlich wieder von null anfangen musste.

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