Erste ARD-Generalsekretärin
Verena Wiedemann – Generalin ohne Soldaten

Endlich hat Verena Wiedemann einen sicheren Arbeitsplatz. Denn am Montag tritt sie ihre neue Aufgabe als ARD-Generalsekretärin in Berlin an.

DÜSSELDORF. Endlich hat Verena Wiedemann einen sicheren Arbeitsplatz. Denn am Montag tritt sie ihre neue Aufgabe als ARD-Generalsekretärin in Berlin an. Bislang war die Leiterin des ARD-Verbindungsbüros in Brüssel unmittelbare Nachbarin der ziegelroten Vertretung Großbritanniens bei der EU – und die diplomatischen Domizile des Vereinigten Königreichs gelten seit dem Engagement im Irak weltweit als mögliches Anschlagsziel.

Nun also ein weniger terrorgefährdeter Standort in Berlin. Dafür ein schwieriger Job: Am 1. Juli wird Wiedemann die erste Generalsekretärin der ARD. Bislang machte jeder Landesfürst in der ARD seine eigene Politik. Nur unter größten Anstrengungen rangen sich die Intendanten durch, einen Generalsekretär zu installieren, der nun in Berlin für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Stimme erheben soll.

Wiedemann fällt nach 13 Jahren der Abschied von Brüssel nicht leicht. Ihr karges Büro im siebten Stock eines tristen Bürogebäudes, nur einen Steinwurf vom monströsen Berlaymont, dem Sitz der EU-Kommission, entfernt, war die politische Schaltzentrale der ARD. Ein Vertreter der Privaten, der Wiedemann in Brüssel kennen lernte, bezeichnete sie als „Stalinistin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“. Bei der EU verteidigte die 48-Jährige mit Zähigkeit und Härte das gebührenfinanzierte Fernsehen. „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass mir der Job so viel Freude machen würde“, sagt die Eiserne Lady der ARD über ihre Brüsseler Zeit.

Nun hat die im dunkelblauen Nadelstreifen-Kostüm gekleidete ARD-Botschafterin ihr Brüsseler Zimmer mit Blick in den Hinterhof ausgeräumt. Ein paar Loseblatt-Sammlungen stehen noch im Regal, die letzten vertraulichen Dateien auf ihrem PC warten noch auf die Löschtaste. Brüssel und die ARD sind ihr ans Herz gewachsen. Als sie der damalige WDR-Intendant Friedrich Nowottny im Dezember 1993 in die Hauptstadt Europas schickte, musste Wiedemann bei null anfangen: Eine Vertretung der ARD-Interessen gab es damals noch nicht.

Auch für die promovierte Juristin war das politische Parkett neu – zuvor war sie Medienmanagerin beim Hamburger Zeitschriften-Konzern Gruner + Jahr. Nach einem Traineeprogramm und einer Assistenztätigkeit für den damaligen Zeitschriftenvorstand Rolf Wickmann managte Wiedemann unter anderen das Flaggschiff „Brigitte“. Zuvor lernte sie beim „Stern“ ein halbes Jahr den Redaktionsalltag kennen. Das ist lange her: Heute gilt die mit einem amerikanischen Anwalt verheiratete Lobbyistin als eine profilierte Rundfunkexpertin.

Der Anfang in Berlin wird für die gebürtige Marlerin, die privat gerne bei „Tatort“ und „Tagesthemen“ entspannt, schwer. Die ARD-Intendanten haben mehr als zwei Jahre gebraucht, um die Position zu besetzen. In der ARD hat sie keine Hausmacht. Nur der WDR mit seinem Chef Fritz Pleitgen steht hinter ihr. „Verena Wiedemann ist eine exzellente Botschafterin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sie genießt höchstes Ansehen in den europäischen Institutionen. Dies wird ihr und uns in ihrem neuen Amt als Generalsekretärin der ARD zugute kommen“, sagt Pleitgen.

In Berlin ist Wiedemann aber eine Generalin ohne Armee: Sie verfügt nur über zehn Mitarbeiter. Das ARD-Hauptstadtstudio hatte für sie keinen Platz. Zum Sender Freies Berlin (SFB), viele Kilometer vom politischen Zentrum entfernt, wollte sie nicht ziehen. Am Ende ist sie in den Räumen der Bundespressekonferenz – nur wenige Schritte vom Bundestag – untergekommen. „Mein Lebensmittelpunkt wird Berlin werden“, sagt Wiedemann, die sich auch privat in der Mitte der Hauptstadt niederlassen will.

Die Aufgaben, die auf sie warten, sind gewaltig. Darf die ARD bei Handy-TV und Internetfernsehen mitmischen? Sind mobile Endgeräte, mit denen TV und Radio empfangen werden können, gebührenpflichtig? Werden auch öffentlich-rechtliche Programme künftig verschlüsselt werden müssen? Die digitale Revolution hat begonnen, und der ARD bläst der Wind ins Gesicht.

Wunder kann Wiedemann nicht versprechen. Doch für Effizienz und Unnachgiebigkeit steht die Strippenzieherin. Allerdings: Berlin ist nicht Brüssel. In der deutschen Hauptstadt geht es ruppig zu. Das schreckt die neue Generalsekretärin nicht. Sie glaubt: „Wir sind alles andere als ein Auslaufmodell. Die ARD wird mehr denn je gebraucht.“

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