Erste Ombudsfrau des Bankenverbands
Gerda Müller: Richterin aus Leidenschaft

Sie ist der personifizierte Kummerkasten, die erste Ombudsfrau des Bundesverbandes deutscher Banken: Richterin Gerda Müller. Vor dem Ruhestand hatte die Spitzenjuristin Angst – und suchte sich mit 65 noch einen neuen Job.

BERLIN. Gerda Müller hat eine entwaffnende Art, auf Fragen zu reagieren. Warum die ehemalige Vizepräsidentin des Bundesgerichtshofes das Angebot des privaten Bankenverbandes angenommen hat, Ombudsfrau zu werden? „Weil ich einfach gern am Schreibtisch sitze und über juristische Probleme nachdenke“, lautet die Antwort. Sehr gern hätte die Spitzenjuristin länger am BGH gearbeitet. Doch das ist Richtern über das 65. Lebensjahr hinaus nicht vergönnt.

Nun ist Müller seit August 2009 die erste Ombudsfrau des Bankenverbands seit Einführung des Schlichtungsverfahrens im Jahr 1992. Damit ist sie personifizierter Kummerkasten für Kunden, die Meinungsverschiedenheiten mit den Mitgliedsinstituten des Verbandes haben – übrigens zusammen mit vier weiteren Kollegen.

„Ich hatte schon etwas Angst vor dem Ruhestand“, räumt die zierliche Frau ein. Als ein ehemaliger Richterkollege sie auf einen zu besetzenden Ombudsmann-Posten ansprach, zögerte sie daher nicht lange. Für Müller ist ihre neue Funktion ein Vollzeitjob. „Ich befasse mich mit jeder einzelnen Beschwerde. Ich beurteile sie rechtlich und bescheide dann die Beschwerdeführer.“

Mal fallen die Bescheide zugunsten der Bank, mal zugunsten des Kunden aus. Im vergangenen Jahr gingen 4 800 Beschwerden ein, im Jahr zuvor waren es lediglich gut 3 600. Bis zu einem Streitwert von 5 000 Euro können die Ombudsleute einen für die Banken verbindlichen Schlichtungsspruch fällen. Den Kunden steht es dagegen frei, den Vorschlag anzunehmen oder eine gerichtliche Auseinandersetzung zu suchen.

Neuland betritt Müller mit ihrem neuen Job nicht. „Mein Senat war zuständig für die unerlaubte Handlung“, sagt die Juristin. Da ging es auch um bedenkliche, fast schon kriminelle fehlerhafte Beratungstätigkeiten oder um Tätigkeiten von Beratern, die an der Grenze zur Untreue lagen.

Dass die Zahl der Kundenbeschwerden in der Regel steigt, verwundert die patente Frau nicht. „Das ist ein allgemeiner Zug der Zeit, das Anspruchsdenken nimmt zu“, urteilt sie. In ihrer aktiven Zeit als Richterin hat sie eine „unglaubliche Prozessfreudigkeit bei ganz kleinen Streitgegenständen“ ausgemacht. „Die Deutschen lieben es zu prozessieren“, glaubt Müller. Daher hält sie das Ombudsmannverfahren als spezielle Art der Streitbeilegung für sehr effektiv. „Das trägt erheblich zur Verbesserung des Rechtsfriedens und zur Entlastung der Gerichte bei und sollte auch auf andere Rechtsgebiete übertragen werden“, empfiehlt die Juristin.

Mit Blick auf die Finanzmarktkrise erwartet Müller einen weiteren Schub an Beschwerden. Früher sei man davon ausgegangen, dass man von den Banken verantwortungsbewusst beraten wurde. Jetzt tauche eher der Verdacht auf, „ich wurde aufs Kreuz gelegt“.

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