"Es gibt Probleme, für die es keine schnelle Lösung gibt"
McNamaras späte Einsichten

Die Entscheidung der Regierung Kennedy, in Vietnam Krieg zu führen und der Johnson- und Nixon-Regierung, diesen Krieg eskalieren zu lassen, ist eines der größten Debakel in der Geschichte der USA.

HB. Der Krieg hat mehr als 50 000 US-Soldaten und mehr als zwei Millionen Vietnamesen das Leben gekostet. Die US-Regierung gab für ihn viele Milliarden Dollar aus und verschärfte damit die ökonomische Krise der USA Mitte der 70er-Jahre. Auch in der amerikanischen Gesellschaft hinterließ er tiefe Narben.

Domino-Theorie

Robert McNamara, Verteidigungsminister unter den Präsidenten Kennedy und Johnson, gilt als Vater des Krieges. Heute räumt er ein, versagt zu haben. In seinem Buch "The Tragedy and Lessons of Vietnam" versucht er zu erklären, was schief gelaufen ist.

Wie der Ex-Ford-Manager NcNamara beschreibt, gründete die Entscheidung zum militärischen Engagement in Vietnam auf der "Domino-Theorie". Sie besagte, dass ein Staat, der sich dem Kommunismus zuwende, Nachbarstaaten nachziehe, so dass ein Staat nach dem anderen kippe wie ein Dominostein. Die Kennedy-Regierung unterstellte China den Plan, Nachbarstaaten nach und nach in den kommunistischen Machtbereich zu ziehen.

Angst vor dem Kommunismus

Die US-Regierung fürchtete besonders, dass Indonesien, die fünftgrößte Nation der Welt, mit 200 Millionen Menschen zum Kommunismus konvertieren könnte. Der indonesische Präsident Sukarno pflegte enge Bindungen an die dortige kommunistische Partei. Diese Angst beeinflusste die Entscheidung zum Engagement in Vietnam, einem kleineren Land mit weniger erkennbaren Risiken. Der Eingriff in Vietnam sollte das Signal aussenden, dass die USA jede kommunistische Ausbreitung in der Region entschieden bekämpfen würden.

Die meisten politischen Köpfe in den USA waren sich im Klima des kalten Krieges einig, dass in Vietnam klar Stellung bezogen werden müsse. Anfangs beschränkten sich die USA auf Training und logistische Unterstützung für ihre südvietnamesischen Verbündeten. Doch nach und nach eskalierte das Engagement zum schmutzigen Krieg.

Dabei verlor die Domino-Theorie Mitte der sechziger Jahre bereits an Realitätsgehalt. Zum einen stürzte General Suharto 1965 in Indonesien Präsident Sukarno und bannte damit die kommunistische Gefahr. Zum anderen versank China während der Kulturrevolution im Chaos und beschäftigte sich ausschließlich mit sich selbst. Von einer kommunistischen Expansion in Asien konnte also keine Rede mehr sein.

Verstrickung in blutige Kämpfe

McNamara glaubt, dass der Krieg 1967 ohne Probleme hätte beendet werden können. Doch die USA verstrickten sich bis 1973 in blutige Kämpfe, obwohl die Annahmen, unter denen sie den Krieg begonnen hatten, nicht mehr galten. Die Amerikaner, so McNamara, haben die Absichten ihrer Feinde falsch eingeschätzt. Sie extrapolierten das Verhalten Fidel Castros einfach auf Ho Chi Minh in Nordvietnam. Auch glaubten sie zu Unrecht, dass die Menschen in Südvietnam ein demokratisches Regime wollten.

Die Amerikaner, sagt McNamara, hätten sich für allwissend gehalten. Was für Südvietnam gut sei, wurde von wenigen Personen in der US- Führung festgelegt, ohne darüber international zu diskutieren: "Wir haben übersehen, dass es internationale Probleme gibt, für die es keine schnelle Lösung gibt."

Das Buch dazu: In Retrospect: The Tragedy and Lessons of Vietnam, Robert S. McNamara, Vintage Books, New York, 1995.

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