Esoterik im Allgäu
Aktionäre meutern gegen Merckle-Erben

Mit seiner Stiftung World in Balance will Philipp Daniel Merckle sein "aktives Denkmodell von mehr unternehmerischer Verantwortung und Gleichgewicht in unserer Welt" vorleben, wie er es nennt. Doch in seinem eigenen Unternehmen geht die Ordnung gerade ziemlich aus den Fugen.

LEUTKIRCH. Harmonisch sind Hauptversammlungen selten, das steht fest. Doch was Philipp Daniel Merckle (42) morgen auf dem Aktionärstreffen der Gruschwitz Textilwerke AG im Allgäu blüht, hat noch eine deftigere Note. Größenwahn wirft man ihm vor, Kapitalvernichtung und Gefährdung von mehr als 150 Arbeitsplätzen. Merckle, sagen seine Mitaktionäre, treibt eine bis vor kurzem kerngesunde Firma geradewegs in den Ruin.

Dabei hätte alles ganz anders kommen sollen, damals, im vergangenen Sommer. Als Philipp Daniel Merckle 76 Prozent an der Gruschwitz AG von seiner Familie erwarb, ahnte kein Mitarbeiter, was folgen sollte. Der neue Großaktionär unterstütze den Vorstand bei der Fortführung der bisherigen Führungsstrategie, hieß es in dem Übernahmeangebot von Merckle. Eine Änderung sei nicht beabsichtigt.

Und es kam noch besser. Kein geringerer als Lothar Späth, der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, zog in den Aufsichtsrat - ein Coup für eine Firma mit 30 Mio. Euro Umsatz. Die Mitarbeiter waren begeistert. Merckle und Späth - was konnte mit solchen Namen schief gehen?

Die Freude währte nur kurz. Knapp vier Monate hielt es Späth bei Gruschwitz aus. Zwei Sitzungen mit Philipp Daniel Merckle, und das "Cleverle", wie man ihn hier nennt, legte am 30. September sein Amt nieder. Über die Gründe schweigt sich Späth weitgehend aus. "Es gab große Meinungsverschiedenheiten", sagt der Ex-Minister. Und was war seine Meinung? Späth: "Gruschwitz war in guter Verfassung, die Struktur sauber, die Führung exzellent."

Drei Monate später war die Führung weg. Am 19. Dezember teilte die Gruschwitz AG mit, der Aufsichtsrat habe den Arbeitsvertrag von Vorstand Marc Lorch gekündigt. Mehr hätte man die Mitarbeiter kurz vor Weihnachten nicht erschrecken können. Lorch war nicht einfach Vorstand. Der 39-Jährige wurde praktisch in einer Textilfirma geboren. Er übernahm früh die familiäre Firma Lozetex, verkaufte sie dann an die Familie Merckle und integrierte schließlich Gruschwitz, Lozetex und die zuvor erworbene Firma Zorn alle drei in Leutkirch. Aktionäre und Mitarbeiter schwärmen noch heute in höchsten Tönen von dem Ex-Vorstand.

Lorch selbst schweigt zu seiner Kündigung - aus rechtlichen Gründen. Sein Ende war jedoch für den Finanzvorstand Manfred Thumm Grund genug, sein Amt mit sofortiger Wirkung niederzulegen.

Späth, Lorch, Thumm - der Dreifachabgang traf Gruschwitz zum ungünstigsten Zeitpunkt. Der Hersteller von Industriegarnen ist zu 50 Prozent von der Automobilbranche abhängig - und wurde von deren Krise voll erwischt. 2008 fiel der Konzernüberschuss um 40 Prozent, seit Februar ist Kurzarbeit angesagt. Das alles ist nicht Philipp Daniel Merckle anzulasten. "Aber bei der Konkurrenz zieht die Produktion schon wieder an" sagt Betriebsratschef Armin Lengger. "Bei uns stehen die Maschinen immer noch still. Die Kunden hatten eben Vertrauen zu dem Lorch. Und der ist ja leider weg."

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