Essay
Was die Finanzkrise Unternehmen lehrt

Erstaunlich lange hat es gebraucht, bis die sogenannte Realwirtschaft begriffen hatte, dass eine geplatzte Immobilienblase in den Vereinigten Staaten nicht allein ein Problem der Banken ist, sondern ein generelles der gesamten Weltwirtschaft. Zum Glück. Denn die Finanzkrise räumt mit einigen Moden gründlich auf. Vier Thesen für die neue Welt der Wirtschaft.

Noch vor wenigen Monaten glaubte mancher Industriemanager, die Kreditklemme sei eine Erfindung besorgter Wissenschaftler oder schlagzeilenhungriger Journalisten. Fest steht inzwischen aber, dass nicht nur große Übernahmedeals wie Schaeffler/Continental wackeln, sondern dass es auch im Tagesgeschäft zwischen Unternehmen und Banken klemmt. Und das führt zur These 1, die sich auf die Unternehmensfinanzierung bezieht:

Geld muss teurer werden

Ob Großbanken, ob Sparkasse oder Genossenschaftsinstitut, die Geldgeber prüfen heute sehr genau, wem sie Geld leihen. Vor allem aber zu welchen Konditionen. Das gilt für den klassischen Unternehmenskredit mit der Hausbank zur Finanzierung des Tagesgeschäfts. Das gilt erst recht für die Finanzierung großer Projekte oder milliardenschwerer Übernahmen. Wenn es einen entscheidenden Unterschied zwischen gestern und morgen gibt, dann ist es dieser: Fremdkapital wird teurer.

Das an sich ist kein Problem, erst recht kein Anlass, die Katastrophe auszurufen. Im Gegenteil. Fremdkapital war in den vergangenen Jahren viel zu billig. Das Ergebnis ist eine Fehlsteuerung der Ressourcen. Eigenkapital galt als zu teuer, wenn nicht gar überflüssig, Fremdkapital und damit Verschuldung dagegen als das Nonplusultra des "Financial Engineering". Das Verhältnis Fremdkapital zu Eigenkapital wuchs über alle Maße. Versiegt der Geldstrom wie jetzt in den Krisenzeiten, brechen aber die auf Kante genähten Finanzierungskonstruktionen und schuldenlastigen Bilanzen sehr schnell zusammen. Und mit ihnen die Unternehmen.

Hochverschuldete Unternehmen müssen auf Gedeih und Verderb Cash-Flow produzieren, um ihre Kredite bedienen zu können. Was aber, wenn die Prämissen nicht mehr stimmen, wenn beispielsweise die Konjunktur und damit die Auftragslage einbricht? Dann werden die Probleme offenbar: Financial Engineering hat keinen Plan B. Die bilanziellen Reserven sind auf ein Minimum heruntergefahren. Jeder geplatzte Auftrag wird zum Tiefschlag.

Auch grundsolide Eigentümer-Unternehmer brauchen hohen Geldfluss aus dem laufenden Geschäft. Nur: Unternehmen mit ausgereizten Finanzkonstruktionen müssen damit Kredite bezahlen, solide Mittelständler können dagegen ihre Reserven stärken. Ein enorm wichtiger Unterschied.

Natürlich ist es volkswirtschaftliche Verschwendung, Eigenkapital ungenutzt im Unternehmen zu horten. Darin waren gerade konservative deutsche Unternehmen früher Spitzenklasse. Doch die Reduzierung strategischer Entscheidungen auf eine Abwägung nach Kapitalkosten führt dazu, Handlungsspielräume aufzugeben und langfristig Fehlentscheidungen zu treffen. Die finanzielle Reserven auf null herunterzufahren kann zwar die Gesamtrendite steigern. Es bedeutet aber auch, die Möglichkeit künftiger Krisen komplett zu ignorieren. Selbst das Argument, eine solche Rezession wie die heutige habe niemand erwarten können, zieht nicht. Die viel zu lange Phase billigen Geldes hat die Illusion suggeriert, es ginge ewig so weiter.

Das bleibt nicht ohne Folgen: Der Refinanzierungsbedarf von Unternehmen innerhalb der nächsten zwei Jahre wird weltweit bei vier Billionen Dollar liegen, sagen die Experten des Datendienstes Dealogic. Erschrecken löst diese gewaltige Summe aus, wenn man gegenüberstellt, dass Banken derzeit ihre Kreditengagements um rund zehn Billionen Dollar zurückfahren, um Luft und Risiken aus den Bilanzen zu nehmen. Das wäre das zweieinhalbfache Volumen. Wenn diese Zahlen stimmen, dann wird es wirklich eng für Kreditnehmer.

Eigenkapital ist jetzt wieder Trumpf. Eine Rückkehr zu alten Zeiten, in denen keiner genau auf die Renditen schaute, wird es aber trotzdem nicht geben. Die Kunst wird darin liegen, das richtige Verhältnis zwischen Eigenkapital und Schulden auszutarieren. Und darauf zu achten, dass die Unternehmen für kritische Zeiten wieder Speck ansetzen.

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