„Europas Identität liegt im Weltraum“
Ein Navigator für Galileo

Rainer Grohe hat den spannendsten Job der Raumfahrt. Arbeiten müsste er eigentlich nicht mehr arbeiten. 64 ist er, eine lange Managerkarriere liegt hinter ihm, er hat ausgesorgt.

MÜNCHEN. „Um den Job zu machen, muss man finanziell unabhängig sein“, sagt der Mann mit der feingliedrigen Brille. Freundlich ist er, sein Alter sieht man ihm nicht an.

Der gebürtige Berliner, der im Münsterland aufwuchs, ist mitten in das Brüsseler Geflecht von Politik, Wirtschaft und Länderinteressen geraten. Es geht um Raumfahrt, der vielleicht politischsten Branche neben der Rüstungsindustrie – und natürlich um viel Geld.

Die Europäer wollen mit Galileo in der Satellitennavigation das US- Monopol brechen: ein Milliardenprojekt. Seit gut einem Jahr ist Grohe Chef der Galileo Joint Undertaking. Der damalige Verkehrsminister Bodewig und später Bundeskanzler Schröder baten ihn, den Job zu machen.

Galileo Joint Undertaking ist das eigens von der Weltraumagentur Esa und der EU gegründete Unternehmen, das für die nächsten 20 Jahre einen privaten Betreiber für das System auswählen soll. Es geht um einen Milliardenmarkt und Tausende von Arbeitsplätzen. „Es ist der spannendste Job, den ich mir vorstellen kann“, sagt Grohe.

Er und sein Team sollen im kommenden Januar entscheiden, wer Galileo für die Dauer von 20 Jahren betreiben darf. Im Rennen ist noch das Konsortium Inafsat (EADS und Thales) sowie der Konkurrent Euresa (Alcatel, Finmeccanica). Es geht ums große Geschäft: Wenn Galileo ab 2009 funktioniert, dürfte jedes Handy zum Navigationssystem werden. Aber auch der Luftverkehr könnte via Galileo überwacht werden.

„Europas Identität liegt im Weltraum“, solche Sätze gehen Grohe leicht von den Lippen. In seiner Stimme schwingt Faszination mit, obwohl er in seinem bisherigen Managerleben nichts mit der Raumfahrt zu tun hatte, jener Branche, die gemeinhin bekannt ist als Schmelztiegel aus Arroganz und Realitätsferne.

Doch der studierte Elektrotechnik-Ingenieur hat schon viel gesehen: „Ich hatte eine Reihe von Himmelfahrtsjobs“, vertraut er dem Handelsblatt an. Nach einer ersten beruflichen Station in der Elektroplanung der Rheinstahl Hüttenwerke in Hattingen kommt er 1969 zu Brown Boveri (BBC). Dort muss er im Geschäftsbereich Industrieöfen in Dortmund 1 500 Leute feuern: „Seither habe ich Respekt vor guten Betriebsräten.“ Er arbeitet sich hoch, kommt 1977 in den BBC-Vorstand, nach der Fusion mit ABB bleibt er im Vorstand bis 1991, scheidet aber aus, weil er die Politik von Ex-ABB-Chef Percy Barnevik nicht mittragen will. Er wechselt in den Viag-Vorstand, bis er im Jahr 2000 die Altersgrenze von 60 Jahren erreicht und ausscheidet.

Weggefährten kennen Grohe als listigen Verhandler. Noch eineinhalb Jahre wird er seinen Job machen, bis dahin soll Galileo endgültig auf den Weg gebracht sein. Und dann soll tatsächlich Zeit sein für Familie und Sport.

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent
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