"Eve Online"
E. Gudmundsson: Der Alan Greenspan der virtuellen Welt

Seinen Job als Universitäts-Dekan tauschte Eyjolfur Gudmundsson gegen eine Stelle, die es weltweit kein zweites Mal gibt: Seit 2007 ist der Isländer Chefökonom der Online-Wirtschaftssimulation "Eve Online" und trotzt dabei sogar der Wirtschaftskrise.

Die Überreste des isländischen Traums sind im alten Fischereihafen von Reykjavik allgegenwärtig: Kiesgruben, Kräne und eingerüstete Betonskelette zeugen vom Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre. Eyjolfur Gudmundsson schaut aufs Wasser. Noch immer kann er stundenlang über die Probleme der Überfischung reden. Wenn jeder soviel Fisch fangen würde, wie er wollte, wären die Meere bald leer. „Was gut für den Einzelnen ist, ist es nicht für die Gesellschaft insgesamt“, sagt Gudmundsson. Man brauche klare Regeln, Vereinbarungen und Kontrollen. So ist es im internationalen Finanzsystem, dessen Krise Island an den Rand des Staatsbankrotts geführt hat, so ist es in der Fischerei und so ist es in einem Computerspiel.

Eve Online – das ist eine Science-Fiction-Welt im Internet. Zehntausende Spieler bauen und zerstören hier Raumschiffe, handeln mit virtuellen Rohstoffen und fliegen täglich gemeinsam durch ferne Galaxien. Es ist eines der kompliziertesten Spiele auf dem Markt; fast jeder Zweite, der es probiert, gibt schnell wieder auf. Doch wer sich einmal hineingefuchst hat, will nicht wieder aufhören.

Dem Spiel, das sich über Mitgliedsbeiträge finanziert, ist auch Eyjolfur Gudmundsson verfallen. Seinen Job als Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der zweitgrößten Universität des Landes in Akureyri tauschte Gudmundsson gegen die Stelle als Chefökonom eines Computerspiels. Statt die Probleme der isländischen Fischerei analysiert Gudmundsson nun für die isländische Spielefirma Crowd Control Productions (CCP) die Preisentwicklung imaginärer Raumschiffe – und ist begeistert. „Ich habe so unglaubliche Mengen an Daten zur Verfügung, das ist fantastisch“, erzählt er.

Während sich Ökonomen sonst mit vielen Schätzungen zufrieden geben müssen, stecken in den Datenbanken von CCP die vollständigen Informationen über die virtuelle Ökonomie. Dass es sich dabei um die Preise von Fantasiemineralien wie Tritanium oder die Produktionszahlen von Pixel-Raumschiffen handelt, ist dem Wissenschaftler egal.

Der Mann mit den kurz geschorenen, rötlichen Haaren und dem akkurat gestutzten Bart guckt zufrieden hinter seiner schwarzen Brille hervor. „Es ist faszinierend, dass in diesem ganz anderen Universum die gleichen grundlegenden ökonomischen Prinzipien gelten wie im echten Leben“, sagt Gudmundsson. Auch das derzeit beherrschende Thema in Island, die drohende Staatspleite, bringt ihn nicht aus der virtuellen Ruhe. Eve Online sei nicht von der Krise betroffen, versicherte CCP-Chef Hilmar Petursson seinen Spielern in einem offenen Brief.

Wirtschaft hat Gudmundsson schon in der Schule interessiert und er beschloss früh, Ökonomie zu studieren. 1992 macht Gudmundsson seinen Bachelor in Reykjavik an der Island Universität und geht dann in die USA. An der University of Rhode Island studiert er weiter Umwelt- und Ressourcenökonomie. Im Jahr 2002 promoviert er. Sein Schwerpunkt: die Fischerei. Nach seiner Rückkehr nach Island arbeitet Gudmundsson als Juniorprofessor an mehreren Projekten und Studien über die Fischwirtschaft. 2005 wird er zum Dekan der Wirtschaftsfakultät an der Universität von Akureyri berufen, doch schon nach einem Jahr werben ihn die Eve-Online-Macher ab.

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