Ex-Arcandor-Chef im Untreue-Prozess
Anwälte fordern Freispruch für Middelhoff

Die Staatsanwaltschaft will den Ex-Arcandor-Chef hinter Gittern sehen. Die Middelhoff-Verteidiger aber halten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft für maßlos und polemisch – und wollen einen Freispruch für ihren Mandaten.
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EssenIm Untreue-Prozess gegen den ehemaligen Arcandor-Chef Thomas Middelhoff fordert die Verteidigung einen Freispruch. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen Middelhoff seien „einseitig“, „maßlos“, teils sogar „gemein“ und von „reiner Polemik“ geprägt, sagte sein Anwalt Udo Wackernagel am Donnerstag vor dem Essener Landgericht. Der 61-Jährige Middelhoff habe sich anders als von der Anklage behauptet nicht der schweren Untreue schuldig gemacht. Die Staatsanwaltschaft habe über entlastende Argumente „den Mantel des Schweigens gehüllt“: „Herr Doktor Middelhoff ist freizusprechen.“

Middelhoff sagte in seinem Schlusswort vor der Urteilsverkündung, er habe in den Jahren bei Arcandor 200 von 625 Flügen selbst bezahlt und dafür rund 2,5 Millionen Euro aufgewendet. Er kenne keinen Vorstandschef, der sich in diesem Umfang privat an Kosten beteilige. Schon dies widerlege das Bild der Staatsanwaltschaft, dass er systematisch in die Kassen des Unternehmens gegriffen habe. Das insgesamt fünfjährige Verfahren habe ihn zutiefst in seiner Ehre verletzt und zum Verlust seiner beruflichen Reputation geführt.

Die Staatsanwaltschaft sah es in dem seit Mai andauernden Verfahren gegen Middelhoff dagegen als erwiesen an, dass dieser in seiner Zeit als Karstadt-Quelle- und Arcandor-Chef Privatflüge auf Firmenkosten abgerechnet und sich damit der schweren Untreue schuldig gemacht hat. Sie will Middelhoff im Gefängnis sehen und hatte vor einer Woche eine Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten gefordert. Ein Urteil wird noch im November erwartet.

Middelhoff habe sich in 44 Fällen der teils schweren Untreue und in drei Fällen der Steuerhinterziehung schuldig gemacht, hatte Staatsanwältin Daniela Friese gesagt. Er habe seinem damaligen Arbeitgeber einen Gesamtschaden von 808.565 Euro zugefügt. So sei er etwa mit dem Charterflieger auf Firmenkosten aus privaten Motiven nach New York geflogen oder mit dem Hubschrauber zu seiner Arbeitsstelle in Essen.

Der ehemalige Spitzenmanager habe zum Beispiel im November 2008 mit einer einzigen New-York-Reise ein Loch von rund 95.000 Euro in der Firmen-Kasse gerissen. Gleichzeitig sei bei Karstadt ein Sanierungstarifvertrag umgesetzt worden, durch den eine durchschnittliche Kassiererin im Jahr durch Lohnkürzungen rund 3600 Euro weniger verdient habe. Middelhoff habe mit einem einzigen Flug „verpulvert, was 25 Verkäuferinnen eingespart haben“, sagte Friese.

Wackernagel nannte diese Argumentation „reine Polemik“: „Das war gemein.“ Die Staatsanwaltschaft greife Middelhoff persönlich an, dies sei „unangemessen, unnötig und unwürdig“. Wackernagel und sein Kollege Winfried Holtermüller zeichneten das Bild eines rund um die Uhr arbeitenden, von Termin zu Termin hetzenden Managers, der wegen der Dauer-Krise des Unternehmens keine Minute Zeit ungenutzt verstreichen lassen konnte und durfte.

„Die Optimierung der zur Verfügung stehenden Zeit“ habe im Interesse Arcandors gelegen, für Middelhoff habe es nur „Schlafen und Arbeiten“ gegeben, er habe gar nicht anderes gekonnt, als „rund um die Uhr zu arbeiten“, sagten seine Anwälte. Für Arcandor sei es „lebensbedrohlich“ gewesen, wenn Middelhoff nicht erreichbar war, wenn er etwa im Stau stand.

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Anwälte fordern Freispruch für Middelhoff

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Flüge „zwischen zwei Arbeitsstätten“

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  • Nach dem im Verfahren getroffenen Feststellungen dürfte Herr Middelhoff zu verurteilen sein.
    Der von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafrahmen ist als angemessen zu bewerten. Unabhängig davon, daß der Vorstandsvertrag des Herrn Middelhoff offensichtlich keine Residenzpflicht enthielt, gebot es die ihm als Vorstand obliegende Treuepflicht gegenüber dem
    Unternehmen ( die insoweit auch eine Vemögensbetreungspflicht beinhaltet ), den völlig überzogenen Reiseaufwand durch Übernachtung in der Dienstwohnung am Unternehmenssitz
    bzw. im Hotel zu vermeiden. Auch die "Vorstandsklausuren" in Südfrankreich waren weder im wohlverstandenen Interesse des Unternehmens erforderlich noch haben diese offensichtlich zu
    einem höheren Erkenntnisgewinn bei der Sanierung von Arcandor beigetragen. Das "Sponsern" der Festschrift für seinen Ziehvater lag wohl ebenfalls nicht im Interesse des maroden Unternehmens; von den fragwürdigen Immobilientransaktionen einmal ganz abgesehen. Daß Herr Middelhoff zum "Opfer" seiner eigenen Hybris geworden ist, kann ihn strafrechtlich kaum
    entlasten.

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