Ex-Chef von General Electric
Jack Welch will Verleger werden

Die Zeitungskrise in Amerika ruft einen neuen Verlegertypus auf den Plan: den reichen Privatmann. Jüngstes Beispiel ist Jack Welch, der ehemalige Chef des Industriekonzerns General Electric (GE). Dem Vernehmen nach spielt er mit dem Gedanken, zusammen mit Geschäftspartnern die Tageszeitung „Boston Globe“ zu übernehmen.

NEW YORK. Die Gespräche befinden sich noch in einem sehr frühen Stadium. Welch wollte zu seinen Absichten keine Stellung nehmen. Die Managerlegende wäre nicht der erste Privatier, der Interesse am Zeitungsgeschäft findet. Vor vier Monaten übernahm der Geschäftsmann Brian Tierney den „Philadelphia Inquirer“ und die „Daily News“. Beide Zeitungen standen nach der Zerschlagung des Zeitungshauses Knight Ridder zum Verkauf.

In Los Angeles hat eine Gruppe von reichen Privatleuten um den Medienunternehmer David Geffen Interesse an der „Los Angeles Times“ bekundet. In Baltimore bemüht sich der Wohltäter Robert Embry um die „Baltimore Sun“. Beide Blätter gehören zum „Tribune“-Konzern in Chicago, der über einen Ausverkauf seiner Blätter und TV-Stationen nachdenkt. Das Interesse der reichen Privatiers am kriselnden Zeitungsgewerbe hat nicht nur altruistische Gründe. Zwar spielt bei den meisten der Wunsch des langjährigen Zeitungslesers eine wichtige Rolle, „sein“ Leib- und Magenblatt vor dem Untergang zu retten. „Ich war mein Leben lang ein eifriger Leser des ,Globe’“, sagt etwa Welch-Partner Jack Connors zu den Plänen.

Doch die neuen Verleger wollen mit den Zeitungen auch Geld verdienen. Welch wolle beim „Globe“ eine Rendite von bis zu acht Prozent erreichen, heißt es. Gemeinsam mit Partnern will er 25 Millionen Dollar für den „Globe“ auf den Tisch legen. Sie schätzen den Gesamtwert der Zeitung auf rund 600 Millionen Dollar. Den Rest wollen sie sich womöglich von anderen Finanzinvestoren oder Banken besorgen.

Für die „New York Times“ dürfte das Geschäft aber kaum interessant sein. Die „graue Lady“ hatte den „Globe“ 1993 für 1,1 Milliarden Dollar gekauft und bereits erklärt, dass die kleine Schwester in Boston nicht zum Verkauf stehe. „Wir sehen im ,Globe’ einen wichtigen Konzernteil und haben viele Schritte unternommen, um die Ergebnisse zu verbessern“, sagte „Times“-Sprecherin Catherine Mathis.

Von solchen Äußerungen lässt sich ein Jack Welch jedoch nicht beeindrucken. Er hat bereits James Lee, Vize Chairman der Großbank JP Morgan Chase, gebeten, ein Angebot für das Blatt in Boston durchzurechnen. Ob es dem ehemaligen GE-Chef gelingen könnte, die Zeitung aus der Krise zu führen, ist jedoch fraglich. Mancher Quereinsteiger tut sich schwer. So ist auch der mit viel Euphorie gestartete Neuverleger Thierney in Philadelphia schnell von der Tristesse der Branche eingeholt worden.

Vergangene Woche verkündete er, dass sich der „Philadelphia Inquirer“ in einer „sehr schwierigen Situation“ befinde, aus der man nur mit Stellenkürzungen und Kostensenkungen wieder herauskommen könne. Eine solche Herausforderung dürfte den als „Neutronen Jack“ bekannten Welch beim „Boston Globe“ kaum schrecken.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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