Ex-Vodafone-Chef mischt im britischen Wahlkampf mit
Chris Gent: Dealmacher auf der Politbühne

Er hat sich kaum verändert. Das Haar ist weißer, aber nach wie vor streng gescheitelt. Die Brille unmodern, aus rötlichem Horn, aber mit schmalerem Rahmen als früher. Der Anzug zweireihig, schwarz mit weißen Nadelstreifen, ein blassblaues Hemd mit weißem Kragen und Manschetten, eine fliederfarbene Krawatte.

Kurz: Sir Christopher Gent, in Deutschland berühmt durch die spektakuläre Übernahme von Mannesmann, bietet nach wie vor das Bild eines Londoner City-Bankers der älteren Generation.

Doch heute Abend ist der Mann, der älter als seine 56 Jahre aussieht, in Sachen Politik unterwegs. Er spricht als Chairman des neu gegründeten Think-Tanks mit dem schlichten Namen „Reform“.

Das Publikum im obersten Stockwerk der Reuters-Zentrale an der Fleet Street mit schönem Blick auf die St.-Paul-Kathedrale besteht aus Journalisten, Wissenschaftlern und Diplomaten. Routiniert umreißt Gent vom Rednerpult aus die politischen Grundüberzeugungen der Gruppe – es geht vor allem um Modernisierung und Privatisierung des Gesundheits- und Erziehungswesens. Für die Details übergibt er nach wenigen Minuten an den eifrigen, jungen Forschungsdirektor Andrew Haldenby.

Doch in der Fragerunde wird deutlich: Gent ist hier mehr als eine prominente Galionsfigur. „Das ist doch eine Schimäre“, entrüstet sich ein Mann in Gents Alter über die Pläne für das Gesundheitswesen. „Wie soll ich mir dann als Diabetiker die regelmäßige Behandlung leisten?“ Gents Gesicht bekommt Farbe, aber das Äußerste, zu dem er sich hinreißen lässt, ist ein strenger Tadel: „Das ist altes Denken, mein Freund!“

In der Debatte weicht Gent keinen Schritt zurück, zieht sogar ausgerechnet Deutschland und Frankreich als Vorbilder heran. Er wirbt für einen drastischen Bürokratieabbau und verspottet die Detailfreude, mit der die Regierung Krankenhäuser und Schulen überwacht, als „geradezu stalinistisch“.

Es ist kein Zufall, dass sich Gent in der politischen Debatte gut schlägt. Schließlich war der 1948 als Halbwaise im südenglischen Küstenort Gosport geborene Mann in der Thatcher-Ära von 1977 bis 1979 Vorsitzender der Jungen Konservativen. Bis dahin war er Banker, 1979 ging es in die IT-Branche, 1985 als Managing Director zu Vodafone. 1997 steigt er zum Chef auf.

Er bewährt sich als aggressiver Firmenkäufer – eine Rolle, die auf den ersten Blick so gar nicht zu ihm passt. Doch mit der feindlichen Übernahme der deutschen Mannesmann AG für über 150 Milliarden Euro nimmt er seinen Platz in der europäischen Wirtschaftsgeschichte ein. Beim gerichtlichen Nachspiel konnten ihn die Deutschen zuletzt im Gerichtssaal erleben. Hier verteidigte er die Millionenprämie für Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser.

Vor zwei Jahren nahm er Abschied von Vodafone, um sogleich für eine Vielzahl von Aufsichtsratsposten gehandelt zu werden.

Heute ist Gent der Chairman des Pharmariesen Glaxo Smithkline, wo er dazu beitrug, nach einem Aktionärsaufstand gegen überzogene Managerbezahlung Vertrauen wiederherzustellen. Außerdem ist er Direktor bei der Investmentbank Lehman Brothers und berät die Unternehmensberatung Bain.

Das Engagement bei Reform hat in der City manchen gewundert. Schließlich wurde der Think-Tank von Nick Herbert gegründet, einem Tory, der sich als Anführer von Anti-Euro-Kampagnen einen Namen gemacht hat. Und Gent ist Euro-Befürworter.

Nach der leidenschaftlichen Diskussionsrunde ist Gent wieder völlig entspannt. Ein paar Arbeitstage im Monat, sagt er, widmet er im Wahlkampf Reform. Ansonsten verbringe er viel Zeit an seinem Zweitwohnsitz in Südfrankreich, wo seine Familie gerade sei. „Ich wünschte aber, es wäre mehr“, lächelt er.

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