Ex-West-LB-Chef Poullain
„Denen habe ich den Marsch geblasen“

Ludwig Poullain feiert heute seinen 90. Geburtstag – Zeit für einen Rückblick: Wie der Top-Banker die WestLB schuf, die Deutsche Bank überholte, über einen Koffer voll Geld stürzte – und warum er den Landesbanken schon vor 35 Jahren ihren Niedergang vorhersagte.
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DÜSSELDORF. Karlsruhe, 1969: Ein Mann tritt beim Deutschen Sparkassentag auf die Bühne. Er hält eine Rede, eine visionäre, unerhörte Rede. Er hält den Mitgliedern seiner Organisation den Spiegel der Marktwirtschaft vor. Die Sparkassen und Landesbanken sollten sich endlich aus dem Schutz ihrer Besitzer – Bundesländer, Städte und Gemeinden – wagen und Schluss machen mit der Staatshaftung. Es sei endlich an der Zeit, findet Ludwig Poullain anno 1969, dass Landesbanken und Sparkassen richtige Banken würden.

Mailand, 2005: Alessandro Profumo gibt bekannt, dass seine Unicredito, 1998 entstanden als Zusammenschluss öffentlich-rechtlicher italienischer Banken, Deutschlands zweitgrößtes Geldhaus, die Hypo-Vereinsbank, übernimmt. Derweil verstricken sich hierzulande Sparkassen und Landesbanken in Scharmützeln. Die Gewährträgerhaftung, die Garantie der öffentlichen Hand gegenüber den Kunden, ist zwar seit Juli 2005 passé – die EU wollte das so. Hastig aber suchen Landesbanken und Sparkassen nun nach neuen Geschäftsmodellen. Gefunden haben sie sie meist nicht.

Vier Jahre später haben die Landesbanken ihren ganz eigenen, großen Crash hingelegt. Die BayernLB hat gerade ihre österreichische Tochter Hypo Group Alpe Adria nach Verlusten von fast vier Milliarden Euro für einen Euro verkauft. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) schreibt Milliardenverluste, der Staatsanwalt ermittelt gegen ein halbes Dutzend aktueller und ehemaliger Vorstände. Die HSH Nordbank lebt nur noch dank Milliardenhilfen von Schleswig-Holstein und Hamburg. Und die WestLB, Ludwig Poullains ehemalige Bank, muss bald gar den Bund als neuen Miteigentümer dulden.

In allen Fällen mussten die Sparkassen als Miteigentümer kräftig nachschießen, um ihre Landesbanken zu retten. Deutschlands öffentlich-rechtliche Banken haben sich vom Markt überholen lassen – wie Ludwig Poullain es ihnen vor 40 Jahren vorhergesagt hat. Am 23. Dezember feiert der Ex-Chef der WestLB seinen 90. Geburtstag und meldet sich aus diesem Anlass im großen Handelsblatt-Interview zu Wort.

Ludwig Poullain war einer der einflussreichsten, klarsichtigsten Bankiers in den Teenagerjahren der Bundesrepublik. Erinnern können sich an ihn heute freilich nur wenige. Weil seine Karlsruher Rede 40 Jahre zurückliegt. Weil die WestLB, die er gründete, nach ihm zurückglitt in die Fänge der Politik, der er sie entzogen hatte. Weil Poullains Karriere unauffällig begann, sich rasant beschleunigte, ein Jahrzehnt lang heller brannte als die meisten ihrer Zeit, schon Ende 1977 aber wie eine Sternschnuppe wieder verglühte – wegen eines Koffers mit einer Million D-Mark in bar, unter anderem.

Als Ludwig Poullain seinen Sparkassenbeamten in Karlsruhe marktwirtschaftlich ins Gewissen redet, weiß jeder im Saal: Der Verbandspräsident kennt den öffentlich-rechtlichen Dinosaurier, dem er Beine machen will, in- und auswendig. Am Schalter einer Sparkasse hat er das Bankfach gelernt, dank der Sparkassenorganisation bildet sich der Bäckersohn fort und legt die Grundlage für seinen Aufstieg.

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  • Guten Tag,........Ende der 80ger Jahre sassen wir mit einem Herrn und seiner Tochter in Negril, Jamaika. Der Herr hiess Gerling. Er war alt, ich war jung. Wir redeten auch ueber diese Geschichte nur hoerte sie sich etwas anders an. Es wurde von karrieresuechtigen bankiers ( so hiessen die damals noch ) und alternden Patriarchen geredet. Von alten reichen Maennern die nur noch ihre Kinder in Sicherheit verheiraten wollten und Poullain schnitt nicht eben sehr gut ab. Alles andere war privat. besten Dank.

  • ich kann Herrn Poullain nur beipflichten, die bankgster haben verlernt, den Kunden zu dienen, anstatt sich selber durch Spekulationen mit Staatsgeldern zu bedienen!

  • die Eigentümer der WestLb/bundesregierung sollten sich das Angebot von Herrn Poullain nochmal überlegen - denen gehört gewaltig "der Marsch geblasen"!

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