Exklusive Studie
Rabenväter wider Willen

Mit familienfreundlichen Firmen ist es in Deutschland anscheinend nicht weit her: Eine exklusvie Studie zeigt, dass 70 Prozent der Väter negative Folgen im Job fürchten, falls sie Eltern- oder Teilzeit nehmen – und deshalb ihre Wünsche gar nicht erst äußern.

DÜSSELDORF. Ingenieur Ralf Hiller fühlte sich als Rabenvater. Um mehr Zeit für Frau und Kinder zu haben, gab der 45-Jährige seinen reiseintensiven Job schließlich auf. Doch auch als Regionalleiter eines großen Personaldienstleisters uferte die Arbeitszeit immer weiter aus. Hiller teilte seinem Chef mit, er könne die Erwartungen nicht erfüllen und wolle zudem nicht weiter aufsteigen, da ihm auch die Familie wichtig sei. Doch der reagierte verständnislos. „Ich hatte ein Tabu angesprochen, für die Kollegen war ich nun eine Art Alien“, sagt Hiller.

Als dann seine Frau erkrankte und er öfter zu Hause einspringen musste, war für Hillers Vorgesetzten das Limit erreicht. „Ich sehe für uns beide kein Weiterkommen“, hieß es. Der Ingenieur wurde bald danach herabgestuft und kündigte schließlich. „Auch wenn es rechtlich gar nicht durchsetzbar wäre – in dieser Firma war sogar vertraglich ausgeschlossen, dass ein Mann Teilzeit arbeiten kann“, wundert sich Hiller. Heute arbeitet er selbstständig.

Obwohl sich Männer hierzulande längst nicht mehr nur als Ernährer der Familie, sondern zunehmend auch als Erzieher und Betreuer ihrer Kinder verstehen, werden viele durch Zwänge im Beruf zu Rabenvätern wider Willen. Das belegt die Studie „Anforderungen von Vätern an einen familienfreundlichen Arbeitgeber“, die die Kölner IGS Organisationsberatung im Auftrag der Hessenstiftung „Familie hat Zukunft“ durchgeführt hat. Sie liegt dem Handelsblatt exklusiv vorab vor. 360 Väter, jeder zweite davon in einer Führungsposition, gaben Auskunft.

Das Ergebnis: Nicht nur Mütter, auch Väter fühlen sich heute zwischen Job und Kindern zerrissen. Lediglich zwei Prozent erleben keinen Konflikt zwischen beruflichen und familiären Anforderungen. Gerade mal 14 Prozent sagen, in ihrem Betrieb sei es selbstverständlich, dass Väter familienfreundliche Angebote nutzten. Nur 25 Prozent bescheinigen ihrer Firma Väterfreundlichkeit. 40 Prozent aber sprechen ihrem Brötchengeber diese gänzlich ab.

IGS-Projektleiterin Judith Kohn: „Offensichtlich glauben Firmen vielfach noch an das klassische Modell – der Mann verdient das Geld, die Frau kümmert sich um die Kinder.“ Treten Frauen dem Nachwuchs zuliebe beruflich kürzer, ernten sie heute überwiegend Verständnis, bei Männern dagegen dominieren negative Reaktionen, sagt Kohn. „Wir Männer werden nur als Arbeitsmaschinen betrachtet“, klagt einer der befragten Väter.

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