Familie am Arbeitsplatz: Warum Unternehmen in Kinder investieren

Familie am Arbeitsplatz
Warum Unternehmen in Kinder investieren

Früher lockten die Firmen mit Aktienpaketen, heute ziehen Edel-Kitas Mitarbeiter an. Die Kindertagesstätten großer Konzerne setzen mit perfekter Ausstattung und Flexibilität Maßstäbe. Kann der Staat da mithalten?
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In einem Alter, in dem andere ins Berufsleben starten, schien das von Ilona Kiesenbauer schon zu Ende zu sein. Mit 19 brach sie ihre Ausbildung zur Krankenschwester ab und brachte Zwillinge zur Welt. Ihre Beziehung ging in die Brüche. Jung, ledig, alleinerziehend, ungelernt - in Deutschland bedeutet das oft Hartz IV. Ein Leben ohne Perspektive.

Doch Ilona Kiesenbauer bekam eine Chance. Heute, mit 24 Jahren, sitzt sie auf einem zu kleinen Stuhl, die Möbel im Betriebskindergarten des fränkischen Spiegelherstellers Mekra Lang sind auf kurze Beine ausgerichtet. Nebenan spielen die vierjährigen Zwillinge. Kiesenbauer erzählt von ihrer Felisha, die im Kindergarten inzwischen Gemüse esse, und von Elias, der sich, anders als zu Hause, nicht gegen das Frühstück auflehne. „Meine Kinder kennen mehr Käferarten als ich“, sagt Kiesenbauer. Das lernen sie in der Natur, mittwochs ist in der Kita Waldtag.

Auch Ilona Kiesenbauer lernt jetzt wieder. Sie macht eine Ausbildung zur Industriekauffrau. „Ich bin unendlich dankbar, dass ich diese Chance bekommen habe“, sagt sie. Mekra Lang erlaubte Kiesenbauer, die Ausbildung in Teilzeit zu machen, und bot ihr, das war entscheidend, zwei Betreuungsplätze für die damals knapp zweijährigen Zwillinge an.

Der Kindergarten hat von morgens um halb sechs bis abends um sechs geöffnet, damit auch Schichtarbeiter ihre Kinder bringen können. Selbst in den Ferien gibt es eine Betreuung, notfalls sogar am Wochenende. „Ohne dieses Angebot würde ich es nicht schaffen“, sagt Kiesenbauer. „Wo sollte ich denn hin mit den Kleinen?“

Diese Frage stellen sich Hunderttausende Eltern in Deutschland. Nicht einmal für jedes dritte Kind unter drei Jahren gibt es einen Platz in einer Kindertagesstätte. Von August an haben Eltern zwar einen Rechtsanspruch auf Betreuung. Aber das öffentliche Angebot reicht trotzdem nicht aus. Laut Statistischem Bundesamt fehlten im November vergangenen Jahres noch 220000 Plätze und mindestens 14000 Erzieherinnen. Die Kommunen stellen sich auf Klagen ein.

Wenn Eltern nicht wissen, wohin mit ihren Kindern, sind sie auch im Job nicht so flexibel, wie die Arbeitgeber das gern hätten. Deshalb kümmern sich viele Unternehmen neuerdings selbst um den Nachwuchs. Laut einer Umfrage des Industrie- und Handelskammertags unterstützt bereits jedes zweite Unternehmen seine Mitarbeiter bei der Kinderbetreuung oder will dies tun - 2007 war es nur ein Viertel.

Einige Firmen zahlen nur Zuschüsse, jedes dritte Unternehmen mit mehr als zwanzig Beschäftigten bietet oder plant aber eine betriebliche Kinderbetreuung - in einer eigenen Kita oder mit Belegplätzen in örtlichen Einrichtungen.

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  • Der mangelnde Effekt liegt darin begründet, das Sozialmassnahmen von Anfang an nur Alibi sind, um Sozialstrukturen als Machtbasen zu finanzieren. Es geht primär um Arbeitsplätze und Posten, erst zu allerletzt um den propagierten Zweck. Besonders Grüne und SPD sind von solchen Strukturen abhängig, aber auch ein Teil der Konservativen.
    Nach Zweckerfüllung oder Wirtschaftlichkeit fragt da niemand und wenn doch, wie bei der Sozialhilfe geschehen, dann nur um innerhalb der Sozialbürokratie die Gelder umzuverteilen.

    H.

  • Es zwingt Sie noch niemand, solch einen Platz in Anspruch zu nehmen. In meiner Firma gibt es auch eine betriebseigene Kita, und ich bin froh und dankbar dafür. So kann ich halbtags arbeiten und bin nur zwei Etagen von meinem Kind entfernt.
    Wenn Sie eine Frau haben, die damit zufrieden ist, ein Leben lang zu Hause zu sein und für Sie da zu sein, ist es doch schön für Sie. Ich finde es großartig, dass sich Arbeitgeber auch sozial engagieren. Und - nein, mein Kind wird dort keiner Gehirnwäsche unterzogen. Es wird ganz einfach nur gut betreut.

  • Zunächst - nein, ich bin KEIN Ex-Parteifunktionär der DDR. Davon war ich Lichtjahre entfernt. Ich bin ganz einfach als Arbeiterkind geboren, habe mich qualifiziert, studiert und übe seit nunmehr 30 Jahren einen hochqualifizierten Beruf aus. Und ob Sie es glauben oder nicht - ja, ich habe immer gut verdient. Zwar kenne ich keine normalen Arbeitszeiten und habe selten weniger als 45 Stundenwochen gearbeitet, aber ich mag meinen Beruf. Und noch etwas - ja, ich bin durch Arbeit reich geworden. Es geht mir gut in diesem Land. Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, wie sich jemand eine kommunistische Diktatur zurückwünschen kann. Aus meiner Erfahrung sind das immer nur diejenigen, die sehr wenig von Eigenverantwortung halten. Sie dürfen mich nun weiter schmähen, weil ich aus eigener Kraft etwas geschafft habe.

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