Fiese Chefs
Wer piesackt, muss draußen bleiben

Wichtigtuer, Egomanen, Intriganten: Fiese Typen sind eine Zumutung – und Gift fürs Betriebsklima. Eine gute Firma darf solche Chefs nicht tolerieren.

LOS ANGELES. Michael Hall hatte mal wieder Magenschmerzen. Wie jeden Morgen, wenn er zur Arbeit fuhr. Der Produktmanager einer großen Lebensmittelkette in Los Angeles wusste auch genau, woher dieses Magendrücken rührte. „Es ist mein Chef, ein echtes – mit Verlaub – Arschloch“, so Hall. Ein Egozentriker, der glaubt, sich nur durch Brüllerei verständlich machen zu können. „Ein Typ, dem du auf der Straße ausweichen würdest. Und ich muss jeden Tag mit ihm zusammenarbeiten“, fügt Hall frustriert hinzu.

Stefan Schmidt stammt aus München. Seit drei Jahren arbeitet er in Los Angeles für die Stadtwerke. Vor knapp einem Jahr allerdings hätte Schmidt seinen Job fast hingeschmissen. „Mein damaliger Chef war ein Choleriker, der ständig Schuldzuweisungen machte. Er war einfach unausstehlich.“

Zwei Beispiele, die deutlich machen, dass sie noch immer durch die Flure der Managementabteilungen huschen: die fiesen Bosse, die Miesmacher, die keiner wirklich leiden kann. „Nennen Sie sie ruhig beim Namen“, ermuntert nun der amerikanische Psychologe Robert Sutton. „Arschloch-Chefs machen Mitarbeiter krank. Sie dürfen nicht in solchen Führungspositionen sitzen, weil sie Gift sind für das Betriebsklima.“

Sutton muss es wissen. Der renommierte Management-Professor aus Stanford hatte sich vor knapp zwei Jahren diesem Thema erstmalig angenommen. In einem kurzen Artikel im „Harvard Business Review“ diskutierte Sutton die so genannte „No Asshole Rule“. Die Reaktionen auf den Beitrag waren „unbeschreiblich“, erinnert sich der Psychologe. „Ich bekam über 100 Mails auf den Artikel. Aus der ganzen Welt. Die Leser applaudierten und sagten, dass in den Unternehmen viel mehr Tyrannen sitzen als angenommen.“

Grund genug für den Professor, zwei Jahre lang zu recherchieren und ein Buch dazu zu verfassen. Der provozierende Titel „Der Arschloch-Faktor“ erscheint im Oktober im Hanser Verlag (Carl Hanser Verlag, München, 144 Seiten, 14,90 Euro). Dort legt Sutton recht gnadenlos offen, wie sich Fieslinge am Arbeitsplatz sicher identifizieren und vor allem letztendlich auch zum Teufel jagen lassen. Und der Professor beschreibt die Gefahren, die von Intriganten, Aufschneidern und Despoten im Unternehmen ausgehen.

Das Erkennen von den Raubeinen im Nadelstreifen ist meist sehr einfach: Verbalattacken, unangemessene Lautstärke, unfaire Schuldzuweisungen. „Das Arsenal dieser Chefs kennt keine Grenzen. Sie nutzen jede Waffe, um die Untergebenen unter Druck zu setzen“, erzählt Sutton. Umso beeindruckender – so beschreibt es der Amerikaner in seinem Buch –, dass viele Unternehmen ob dieser Tyrannen im Job so genannte „No Asshole Rules“ eingeführt haben.

Die internationale Anwaltskanzlei McDermott, Will & Emery aus Chicago beispielsweise hat diese Regel sogar schon in ihren Statuten verankert. „Es ist uns egal, wie hoch dekoriert oder empfohlen ein neuer Anwalt an uns herangetragen wird. Wenn wir im Vorstellungsgespräch das Gefühl haben, dass er emotional und moralisch nicht in unsere Firma passt, dann wird er nicht angestellt“, stellt ein Sprecher der Firma klar. Einer der Eckpunkte der „No Asshole Rule“: Kein Anwalt darf einen Kollegen in der Firma jemals anbrüllen.

Bei Microsoft gilt ebenfalls: Fieslinge müssen draußen bleiben. „Sie ruinieren nicht nur die Reputation der Firma, sondern können sogar den Umsatz hemmen“, glaubt Microsoft-Chef Steve Ballmer. „Recht hat er“, meint Sutton. Der Professor ist davon überzeugt, dass die Art von Management in einer Firma sehr viel über die Kultur im Unternehmen und somit auch über die Geschäftsphilosophie aussagt. „Manager, die traktieren, piesacken und schreien, sind nicht die Leute, mit denen ich meine Geschäfte abwickeln möchte“, so Sutton. Und weiter: „Stellen Sie sich doch einmal vor, wie diese Bosse ihre Kunden behandeln, wenn sie schon so gemein mit den eigenen Angestellten umgehen.“

Bleibt die Frage, wie man als Produktmanager mit einem rechthaberischen Marketing-Boss umgeht. Zum einen ist es immer gut, bestens vorbereitet in ein Meeting mit einem bissigen Boss zu gehen. „Plan B in der Tasche kann Konflikte schnell lösen“, rät Sutton. Zum anderen sollte man auf verbale Attacken niemals reagieren, einen Wortwechsel, wenn möglich, im Büro vermeiden und immer „eine professionelle Einstellung“ behalten. Selbst wenn der Chef immer wieder versucht, unter die Gürtellinie zu schlagen.

In einer Umfrage im Magazin „American Way“ gaben 42 Prozent von 3 000 befragten höheren Angestellten zu, dass sie schon Opfer von Brüllereien und Verbalentgleisungen am Arbeitsplatz waren. In den USA freilich können sich die Angestellten hausintern schnell wehren.

Auch Professor Sutton rät: Im Falle von Fieslingsverhalten sollte der Betroffene eine Weile Munition sammeln, alle Vorfälle genauestens dokumentieren und Unterstützung im Büro von anderen Kollegen suchen. Als Nächstes folgt der Schritt zur Personalabteilung. In einer hausinternen Beschwerde befasst sich dann die Geschäftsführung selbst mit dem Schreihals. „Eine gut gemanagte Firma toleriert dieses Verhalten nicht. Es werden sofort Maßnahmen ergriffen, um den schlechten Manager abzuschieben“, betont Bennet Tapper, BWL-Professor an der University of Kentucky.

Einen recht interessanten Vorschlag, wie Unternehmen sonst noch mit einem Tyrannen umgehen können, hat Robert Sutton: „Manche Firmen, die ich in den letzten zwei Jahren untersucht habe, implementieren seit einiger Zeit die „One Asshole Rule“. Ein cholerischer Manager darf auf seinem Posten wüten und gilt als mahnendes Beispiel für andere Top-Angestellte, wie man seine Angestellten gefälligst nicht zu führen hat.“ Dies hilft freilich nur denjenigen Angestellten, die nicht in der Abteilung des unangenehmen Schreihalses arbeiten müssen.

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