Finanzbetrug
Der Täter und sein Opfer

Gut 8000 Anleger haben Bernard Madoff ihr Geld anvertraut. Einer von ihnen erzählt, warum er bei der Wall-Street-Legende investierte und in den Strudel des wohl größten Finanzbetrugs der Geschichte geriet.

NEW YORK. Für einen Mann, der fünf Millionen Dollar verloren hat, wirkt Anthony Rosebud ziemlich entspannt. "Ich sitze nicht auf einer Tonne Wut", sagt er, lehnt sich in seinem Ledersessel zurück und streckt die Beine weit in den Raum. "Es gehört zum Leben dazu, dass man manchmal etwas verliert. Ich bin erwachsen, ich kann das aushalten." Er macht eine Pause. Dann sagt er noch etwas, was seine Ruhe erklärt - besser als alle vernünftigen Worte über das Erwachsensein: "Ich will mich jetzt nicht auch noch zum emotionalen Opfer machen."

Anthony Rosebud ist bereits Opfer. Finanzbetrugsopfer. Er gehört zu denjenigen, die ihr Geld Bernard Lawrence Madoff anvertraut haben. Der Investmentverwalter war ein hochangesehener Bürger New Yorks. Ein verlässlicher und erfolgreicher Geschäftsmann, seit über 40 Jahren ein vertrautes Gesicht an der Wall Street. Ein Menschenfreund, der Millionen für gute Zwecke spendete. Es erschütterte die überschaubare Welt der Wohlhabenden und Superreichen wie ein Erdbeben, dass sich ausgerechnet dieser Gentleman-Broker vor zwei Monaten als einer der größten Betrüger der amerikanischen Geschichte entpuppte. Mit der ältesten Masche der Welt, einem Schneeballsystem, soll er Anleger um insgesamt 50 Milliarden Dollar geprellt haben.

Rosebud heißt nicht Rosebud. Der Mann möchte nicht, dass sein richtiger Name verwendet wird, dass irgendwo ein Hinweis steht, wer er ist. Nur so viel: Er leitet ein renommiertes Unternehmen. Da soll sein Millionenverlust nicht in der Zeitung stehen. Es reicht schon, dass sein Name auf der Liste der Madoff-Kunden zu finden ist, die die Staatsanwaltschaft veröffentlicht hat.

Freunde rufen ihn seither fassungslos an: "Du auch?" Ihm sei das nicht peinlich, versichert Rosebud. "Ich bin erwachsen, ich kann zu meinem Fehler stehen." Er sitzt in seinem Büro in einem New Yorker Hochhaus. Unten rauscht der Verkehr vorbei. Oben erzählt der Mann in kurzen, knappen Sätzen, wie er Opfer eines der cleversten Betrüger geworden ist.

Rosebud ist nicht so prominent, dass sich die Regenbogenpresse auf ihn gestürzt hätte. Da gab es andere Madoff-Opfer: Steven Spielberg mit seiner Stiftung "Wunderkinder". Der Immobilienentwickler Larry Silverstein, der Ground Zero wieder aufbaut. Die Film-Legende Zsa Zsa Gabor. Fred Wilpon, Eigentümer des Baseball-Teams New York Mets. CNN-Talkmaster Larry King. Schauspieler John Malkovich. Leonard Feinstein, Gründer der US-Handelskette Bed Bath&Beyond. Außerdem Stiftungen, Banken, Pensionsfonds. "Ich bin in bester Gesellschaft", sagt Rosebud sarkastisch.

Angeblich hatte Madoff gut 8000 Kunden. Doch so genau weiß man es nicht. Die Unterlagen sind lückenhaft und viele Opfer melden sich nicht. Die Anlagebeträge reichen von 200000 Dollar bis zu mehreren Milliarden. So gesehen liegt Rosebud im unteren Mittelfeld. Fünf Millionen sind für ihn kein Pappenstiel, das Geld war für den Ruhestand gedacht. Doch er kann den Verlust verschmerzen. "Viel größer ist der psychologische Schaden." Immer wieder fragt er sich: Wenn man so reingefallen ist, wie kann man da in Zukunft noch jemandem vertrauen?

Die Geschichte seines Investments beginnt Mitte der 90er-Jahre. Einer seiner Freunde, mit dem er zusammen im Vorstand einer Stiftung sitzt, schlägt vor: Die Organisation solle einen Teil ihres Geldes bei Madoff anlegen. Das sei eine solide Sache, sagt der Freund, ein Anlageexperte mit einem tadellosen Ruf. Man erkundigt sich bei anderen Bekannten, befragt Leute, die bereits bei Madoff Geld investiert haben. Alle sind voll des Lobes. Das Stiftungsgeld wird auf ein Madoff-Konto überwiesen.

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