Folge 7 der Handelsblatt-Serie "Strategie-Galerie"
Kettenreaktion bis zur Katastrophe

Am 26. April 1986 explodierte Reaktor vier des Kernkraftwerks Tschernobyl, zerstörte das tonnenschwere Dach des Reaktorblocks und verseuchte die Ukraine sowie ganz Europa mit Radioaktivität.

DÜSSELDORF. Zur Zeit des Unfalls war der Reaktor reif für seine jährliche Wartung gewesen. Bevor die Ingenieure jedoch mit ihren Arbeiten begannen, wollten sie ein Experiment durchführen, um das Sicherheitssystem zu optimieren. Vor den Mai-Feiertagen wollten sie damit fertig sein.

Um ein Uhr am Freitagmittag des 25. April begannen sie, den Reaktor herunterzufahren. Eine Stunde später wurde das Notfall-Kühlsystem ausgeschaltet, damit es den Versuch nicht störte. Dann jedoch baten Kollegen aus Kiew darum, den Reaktor nicht vom Netz zu nehmen, weil der Stromverbrauch unerwartet anstieg. So konnten die Techniker erst um 23 Uhr abends beginnen, den Reaktor zu drosseln. Doch anstatt auf 25 % seiner Kapazität fiel er bis zum nächsten Mittag auf 1 % seiner Leistung ab. Der Schichtführer hatte die automatische Kontrolle ausgeschaltet und versucht, die 25 %-Marke per Hand anzusteuern.

Der Betrieb mit so geringer Last ist bei einem Reaktor dieses Typs gefährlich. Er läuft dann ungleichmäßig wie ein stotternder Diesel und es treten unkontrollierbare Reaktionen auf. Den Ingenieuren war das bewusst. Deshalb zogen sie eine große Zahl von Kontrollstäben aus dem Reaktorkern zurück, um die Last wieder hochzufahren – was ihnen auch gelang, bis zur Marke von 7 %.

Dann setzten sie ihr Experiment fort, denn sie waren durch die Unterbrechung des Vortags unter Zeitdruck. Das war wahrscheinlich ihr größter Fehler, denn jetzt konnte der Prozess nicht mehr unterbrochen werden. Sie stellten alle acht Pumpen im Primärkreislauf des Reaktors an. Dies führte zu mehr Kühlwasser und aktivierte einen Mechanismus, der Graphitstäbe zurückzog, die die nukleare Spaltung kontrollierten. Das System löste sozusagen seine eigenen Bremsen.

Um halb zwei Mittags reduzierte der Schichtführer den Wasserzufluss. Er forderte einen Bericht über die verbliebenen Sicherheitsstäbe an – es waren viel weniger als in den Vorschriften verlangt. Aber das löste bei ihm keine Unruhe aus, denn an laxen Umgang mit den Sicherheitsregeln war er gewöhnt. Die Sicherheitsvorschriften – darin waren sich alle Kollegen einig – waren sowieso überzogen. Als die Ingenieure um 1 Uhr 23 endlich bemerkten, dass etwas nicht stimmte, versuchten sie noch, die Kontrollstäbe einzufahren. Doch dafür war es zu spät. Sekunden später gab es zwei Explosionen.

Diese größte Katastrophe in der Geschichte der nicht-militärischen Nutzung der Kernenergie untersuchte der Psychologie-Professor Dietrich Dörner. Er analysierte die Kette der Entscheidungen, die zu der Kernschmelze führte. Sein Fazit: Das Desaster war nicht verursacht von technischem Versagen, auch nicht von menschlichem Irrtum. Alle Handlungen der Ingenieure waren sehr bewusst und gezielt – mit dem sicheren Gefühl, das Richtige zu tun. Keiner ist eingeschlafen, hat Signale übersehen oder den falschen Knopf gedrückt.

Der Fall zeigt, dass Menschen linear in Reaktionen denken können, aber nicht in Kettenreaktionen. Komplexe Folgewirkungen können wir uns kaum vorstellen.

Die bestens ausgebildeten Ingenieure in Tschernobyl waren so routiniert, dass sie ihr System nicht mehr analytisch führten, sondern intuitiv. Die Sicherheitsvorschriften hatten sie nicht zum ersten Mal missachtet, doch das hatte nie zu Problemen geführt – es war Routine geworden. Dörner stellt fest: „Es gibt eine Tendenz unter Gruppen von Experten, sich gegenseitig darin zu bestärken, dass sie richtig handeln. Selbstkritik wird ausgeschaltet.“

Das Buch dazu: Chernobyl, Dietrich Dörner, Metropolitan, 1996.

Das Fazit von Bolko von Oetinger

„Oft haben wir alle Informationen – aber keine Urteilskraft. Da wir nur linear denken können, ist nicht alles sichtbar, was wir sehen müssten. Bestärkt durch arrogante Experten extrapolieren wir und übersteuern; schließlich reagieren wir nervös auf Zustände und regulieren nicht den Prozess.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%