Fortis-Chef Michael Enthoven
Der Staatsbanker

Noch vor ein paar Monaten war Michael Enthoven am Ende: Mit seiner Bank NIBC hatte er 500 Millioneneuro in Hypotheken-Anleihen investiert - und verloren. Seine Bank wurde Krisenopfer, er musste gehen. Jetzt hat soll der 57-Jährige die verstaatlichte Bankengruppe ABN-Amro-Fortis durch die Krise führen. Kein einfacher Job.

BRÜSSEL. Es ist die berühmte zweite Chance. Anfang des Jahres wurde der damalige Chef der niederländischen Bank NIBC zum ersten Opfer der weltweiten Finanzkrise in den Niederlanden. Er musste zurücktreten. Nun darf Michael Enthoven wieder mitmischen – als Chef der verstaatlichten Bankengruppe ABN-Amro-Fortis.

Ein ruhiger Job ist das allerdings nicht: Immer noch wartet die Deutsche Bank darauf, dass sie Teile des Geschäfts übernehmen kann. Sie hatte sich im Juli mit Fortis geeinigt, für 700 Mio. Euro zwei Unternehmensbereiche der früheren – von Fortis gekauften – ABN Amro zu kaufen. Doch der Verkauf liegt auf Eis. Und in der kommenden Woche drohen ihm Aktionärsklagen ähnlich wie in Belgien. Dort hatten Aktionäre gegen die Übernahme durch die französische BNP Paribas geklagt. Gestern unterlagen sie vor Gericht, vielleicht ein Lichtblick für den Staatsbanker, mit dem niemand mehr so wirklich gerechnet hatte.

Denn für Marktbeobachter in Amsterdam kam die Nominierung Enthovens mehr als überraschend. Schließlich hatte der Manager sich bei NIBC gleich doppelt verkalkuliert: 500 Millionen Euro hatte seine Bank im vergangenen Jahr in windige US-amerikanische Hypotheken-Anleihen investiert und war arg in Bedrängnis geraten. Bis heute kämpft die Bank gegen die Pleite. Kurz darauf bot sich die isländische Kaupthing Bank als Käufer für die angeschlagene NIBC an. Doch der Deal für drei Milliarden Euro platzte Ende Januar. Nach dem Zusammenbruch der isländischen Bank äußern sich hinter vorgehaltener Hand viele verwundert über das blinde Vertrauen, dass Enthoven Ende vergangenen Jahres dem potentiellen Käufer entgegen gebracht hatte.

Dass er versagt hat, gab der 57-Jährige sogar zu: „Ich wusste nicht, was Subprime bedeutet“, sagte er auf seiner letzten Pressekonferenz Ende Februar. Er und sein Risikomanager Jürgen Stegmann traten danach zurück. Er habe seine Hausaufgaben nicht gemacht und ziehe jetzt die Konsequenzen, sagte er reumütig.

Und genau deshalb sei er jetzt der richtige Mann für den Job, denn er habe seine Lektion gelernt, so ein Headhunter. Doch sonst will sich kaum jemand zu dem neuen Staatsbanker äußern. Schließlich gehört er nun zu den engsten Vertrauten des Finanzministers und steht an der Spitze einer der nach wie vor wichtigsten holländischen Banken. Der sozialistische Parlamentsabgeordnete Ewout Irrgang gehört zu den wenigen, die Enthoven offen kritisiert haben: „Es wäre das gleiche, einen Pyromanen zum Feuerwehrmann zu befördern“, schimpfte er via holländischer Presse. Auch im Finanzministerium gibt es kaum Informationen zur Auswahl des neuen ABN Amro-Chefs. „Die Erfahrungen als Investment-Manager in den Vereinigten Staaten und bei NIBC sind jetzt genau richtig, um die komplexen Zusammenhänge in der Finanzkrise zu durchschauen“, heißt es lediglich. Marktkenner vermuten, das wichtigste Kriterium für Bos war, dass Enthoven zuvor keine Verbindung zu Fortis oder ABN Amro hatte. Und: Bos kann mit der Ernennung auch sparen: Enthoven wird das gleiche Gehalt wie in den vergangenen Monaten erhalten – als Staatsanwalt. Und das sind 90 000 Euro im Jahr. Außerdem teilte er mit, auf mögliche Prämien zu verzichten. Kein Vergleich zu früher: Als Vorstand der NIBC konnte der jetzige Staatsbanker fast zwei Millionen jährlich einstreichen.

Ruth Reichstein
Ruth Reichstein
Handelsblatt / Korrespondentin
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