Gastbeitrag
Segen und Fluch der Kurzarbeit

Kurzarbeit ist ein für die Gesellschaft teures und zeitlich begrenztes Instrument. Dagegen bietet betriebliche Arbeitszeitverkürzung die Gelegenheit, Arbeitszeitsysteme langfristig kunden- und mitarbeiterorientierter auszulegen.
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Bisher herrscht noch weitgehend Ruhe am deutschen Arbeitsmarkt. Doch nach einer aktuellen Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln drohen betriebsbedingte Kündigungen, wenn es nicht spätestens im Herbst zu einer Aufhellung der Aussichten kommt, in 35 Prozent der Betriebe, die bisher noch nicht zu diesem Instrument gegriffen haben – wobei Industrie und Bauwirtschaft mit 41 Prozent beziehungsweise 58 Prozent überdurchschnittlich betroffen wären. Vor diesem Hintergrund schlagen wir als Alternative zu betriebsbedingten Kündigungen oder als Mittel zu deren zeitlicher Streckung vorübergehende betriebliche Arbeitszeitverkürzungen vor. Diese sind bisher selbst dort, wo sie im Rahmen von Beschäftigungssicherungstarifverträgen ermöglicht werden, nur ausnahmsweise genutzt worden.

Dies dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, dass durch gesetzliche Neuregelungen seit Jahresbeginn 2009 das ähnliche Instrument Kurzarbeit für die Betriebe kostengünstiger und weniger bürokratisch gestaltet worden ist. Kurzarbeit ist jedoch angesichts der damit für die Betriebe wie die Arbeitslosen- Versichertengemeinschaft verbundenen hohen Kosten zur Bewältigung von Unterauslastungssituationen ungeeignet, die über einige Monate hinaus gehen – woran auch die Anhebung der Bezugsdauer auf bis zu 24 Monate nichts ändert. Kurzarbeit hilft daher auch nicht gegen die nun drohenden Entlassungen.

Wird dagegen, wie dies kürzlich auch der Bundesverband deutscher Banken (BdB) angeregt hat, „der Beschäftigungsabbau […] durch flexible Arbeitszeitanpassungen bei entsprechender Lohnreduktion entschärft“ (Bundesverband deutscher Banken, Konjunkturbericht, Mai 2009), besteht nicht nur grundsätzlich keine zusätzliche Kostenbelastung der Betriebe. Es besteht sogar die Chance, die betrieblichen Arbeitszeitsysteme noch kunden- und mitarbeiterorientierter auszulegen. Arbeitszeit in der Betriebspraxisverkürzen Dort, wo der Personalbedarf vergleichsweise genau kalkuliert werden kann – wie zumeist im Schichtbetrieb –, können bei reduzierter Arbeitszeit stets entsprechend mehr Mitarbeiter beschäftigt werden.

Voraussetzung hierfür ist allerdings in der Regel zum einen ein zeitkontengestütztes flexibles Arbeitszeitsystem, in dessen Rahmen die Mitarbeiter unter sonst gleichen Umständen einfach weniger Arbeitstage leisten, und zum anderen eine gewisse Vertretungsflexibilität, damit es hierdurch nicht zu Spezialisten-Engpässen kommt. Beispiel: Normalerweise sind in einem Drei-Schichtbetrieb montags bis freitags mit 8 Stunden Arbeitszeit pro Schicht stets zehn Arbeitsplätze zu besetzen, wofür bei einer Regelarbeitszeit von 40 Stunden pro Woche 30 Mitarbeiter benötigt werden (ohne Ausfallzeiten). Dieser Besetzungsbedarf nimmt nun in der Beschäftigungskrise bei unveränderter Wochenbetriebszeit auf durchschnittlich acht Arbeitsplätze ab, so dass 24 Mitarbeiter ausreichen würden. Alternativ können aber auch weiterhin 30 Mitarbeiter mit 80 Prozent ihrer normalen Arbeitszeit, also mit 32 Stunden pro Woche beschäftigt werden.

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