Geburtstag
Werner Otto – König des Versandhandels

Am Donnerstag wird Werner Otto 100 Jahre alt. Kurz vor seinem Ehrentag wird dem Wirtschafts-Pionier und Gründer des Hamburger Handelskonzerns noch eine große Ehre zuteil: Die Stadt Berlin verleiht ihm für sein Lebenswerk und Engagement die Ehrenbürgerwürde. Eine Hommage an den König des Versandhandels.

DÜSSELDORF. Werner Otto hockt vor der Schreibmaschine und hämmert dürre Sätze auf 14 Bogen Papier. Man schreibt den Winter 1949, und Otto, abgebrannter Flüchtling mit knurrendem Magen, formuliert: „Artikel 568: orthopädischer Frauenschuh, schwarz oder braun, Boxcalf mit Wildledereinsatz.“ Dann auf der nächsten Seite: „Artikel 565: Pumps, schwarz Samtcalf mit Lackbesatz.“ Auf jedes Blatt klebt er, der doch immer Schriftsteller werden wollte, zwei Fotografien der Schuhmodelle, kritzelt den Preis daneben, bindet alles mit einer Kordel zusammen und pappt den Namen auf sein Büchlein: Otto-Katalog.

Aus dem Büchlein ist mittlerweile ein dicker Wälzer und aus dem hungrigen Autor einer der reichsten Deutschen geworden: Gebieter über das weltgrößte Versandhandelsunternehmen mit knapp zwölf Mrd. Euro Jahresumsatz und rund 50 000 Ottonen – so nennen sich die Konzernmitarbeiter. Am Donnerstag wird Werner Otto 100 Jahre alt. Sein Imperium ist so alt wie die Bundesrepublik, aus den Trümmern des Dritten Reiches hat er das aufgebaut, was Politiker heute ehrfürchtig mit „Aufbauleistung“ umschreiben.

Dabei stand Otto, der 1948 als Kriegsflüchtling aus Westpreußen in Hamburg strandete, im Winter vor 60 Jahren der Sinn nicht nach Legendenbildung. Er wollte nur eins: sich selbst, seine damalige Frau und die zwei Kinder durchboxen.

Seine Mutter starb kurz nach der Geburt, der Großvater verlor sein Vermögen mit Immobilienspekulationen, der Vater schlittert mit seinem Handelsgeschäft in den Konkurs. Weil kein Schulgeld mehr übrig blieb, musste Otto das Gymnasium vor dem Abitur verlassen und als Kaufmannslehrling anheuern. Nach der Ausbildung versuchte er sich als Schriftsteller und Tabakladenbesitzer am Berliner Alexanderplatz. Zwischenzeitlich wanderte er für zwei Jahre in Haft – er hatte Flugblätter für den linken NS-Ideologen Otto Strasser ins nationalsozialistische Deutschland geschmuggelt. Auch nach dem Krieg zwingt ihn die wirtschaftliche Not in die Selbstständigkeit.

Sein wichtigster Verbündeter dabei ist – neben Mut, Enthusiasmus und einer Dosis Chuzpe – meistens der Zufall. So entdeckt er nach seiner Ankunft in der Hansestadt im Schutt eines Hinterhofs einige Steppmaschinen. Weil man damit Schuhe herstellen kann, wird er Schuhfabrikant. Er flickt einfache Modelle aus Leder und Pappelholz zusammen – „Gurken“, wie er sie selbst nennt. „Ich verstand nichts von Schuhen und hatte noch nie eine Schuhfabrik gesehen“, gestand er später. Die zusammengeschusterten Galoschen werden ihm trotzdem aus den Händen gerissen. Allerdings floriert das Erfolgsprojekt nur für ein paar Monate. Die traditionellen Schuhfabriken beginnen wieder zu produzieren und fegen die „Gurken“ vom Markt. Otto gibt die Firma auf, übrig bleiben 6 000 D-Mark – Startkapital für das nächste Projekt.

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