Management
Gefangener einer Staatsaffäre

Manche Dinge brauchen eben ihre Zeit. Bei Greg Dyke hat es 30 Jahre gedauert, bis er einen Job bei der BBC bekommen hat.

LONDON. Als er sich Anfang der Siebziger auf eine Reporterstelle von BBC Radio Teeside bewarb, wurde er nicht mal zum Gespräch geladen. Heute kann der 56-Jährige darüber im Londoner Broadcasting House lachen. Seit drei Jahren hat er einen Arbeitsvertrag mit der BBC – als Boss des Senders.

Dass der BBC-Chefsessel schnell zum Schleudersitz werden kann, war Dyke von Beginn an klar. Bei seinem Antritt vor zweieinhalb Jahren stand der Sender mit 24 000 Mitarbeitern intern vor einem gewaltigen Umbruch. In der Öffentlichkeit kochte mal wieder der Streit um Gebühren und Steuergelder hoch, droschen konservative Zeitungen auf den neuen Mann ein. Zudem kam die BBC durch neue Konkurrenz zunehmend unter Druck. Dass der Sender aber ausgerechnet unter ihm – dem Verfechter der seriösen Berichterstattung – in eine der tiefsten journalistischen Krisen geraten würde, dürfte wohl auch „Visionär“ Dyke kaum erwartet haben.

Doch in der Kelly-Affäre, die seit Wochen London und einen Untersuchungsausschuss beschäftigt, ist nicht nur die britische Regierung, sondern sind auch der Vorzeigesender und sein Chef unter Druck geraten. Ein kritischer BBC-Bericht über die Rechtfertigung des Krieges im Irak hatte zu einer massiven Auseinandersetzung zwischen der Regierung und dem Sender geführt. Tragischer Höhepunkt war der Selbstmord von David Kelly, einem Waffenexperten aus dem Verteidigungsministerium, der sich als BBC-Quelle entpuppte. Der Sender stellte sich von Beginn an vor seinen Reporter – allen voran Generaldirektor Dyke. Doch inzwischen ist klar, dass der Bericht mit ziemlich heißer Nadel gestrickt wurde. „Sollte sich herausstellen, dass die journalistischen Standards nicht eingehalten wurden, wird die BBC eindeutig Schaden erleiden“, warnte der frühere Rundfunkrat der BBC, Christopher Bland. Genau das ist nun eingetreten.

Die zuletzt steile Karriere von Dyke könnte dadurch noch einen Knick bekommen. Es mag zu den skurrilen Machtspielen und Kuriositäten der politischen Medienwelt gehören, dass der BBC-Chef ausgerechnet durch seine alten Freunde unter Druck gerät – die Labour-Regierung.

Der Top-Posten bei der BBC wird wie die Intendanz beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland politisch besetzt. Der BBC-Chef war lange Labour-Parteimitglied und gilt als Freund von Schatzkanzler Gordon Brown.

So hatten mit Dyke eigentlich die guten Zeiten für die BBC begonnen. Und der Manager mit der gedrungenen Statur packte sofort große Dinge an. Sein Credo: Die BBC müsse offener und kreativer werden. Eher still und unkonventionell machte er die „alte Tante BBC“ flott.

Die unter seinem Vorgänger John Birt aufgeblähte Verwaltung wurde abgespeckt, die umstrittene Finanzierung bis 2006 geregelt. Dyke trieb außerdem die Expansion in das digitale Medienzeitalter voran. Neben TV und Radio wurde BBC Online zur dritten Säule ausgebaut.

Und beim Kampf um Sendeanteile hat Dyke bewiesen, dass er neue Wege nicht scheut. Der BBC-Boss, suchte mit dem von Murdoch kontrollierten Pay-TV-Sender BSkyB den Schulterschluss, um wieder Fußball zeigen zu können. Wird er dafür schon mal als „New Murdoch“ bezeichnet, kann ihn das nicht wurmen. Dass die BBC unter ihm erst mal Geld verschlingt, sieht er ebenso als Notwendigkeit für den Start in die Zukunft. In ein paar Jahren soll der Sender profitabel sein.

Für Dyke ist klar: In der künftigen Multimediawelt mit vielen Kanälen hat eine gebührenfinanzierte BBC nur eine Berechtigung, wenn sie allen Briten etwas bietet. Das war bislang keineswegs der Fall. „Die BBC ist so furchtbar weiß und Mittelklasse“, hatte Dyke schon kurz nach seinem Amtsantritt laut gestöhnt. Dabei kommt er selbst sehr weiß und bürgerlich daher: Fan von Manchester United, Theaterfreund, Tennisspieler und reich. Als Chef des Senders LWT war er beim Verkauf Anfang der neunziger Jahre über Nacht Multimillionär geworden.

Innerhalb der BBC ist Dyke viel beliebter als sein steifer Vorgänger Birt. Mit Dyke sei der imperiale Machtstil im Haus verschwunden, lobt ein Manager. „Greg kam in mein Büro, setzte sich, legte die Füße auf den Tisch und fragte, woher ich denn stamme“, erzählt er von seiner ersten Begegnung. Das habe es früher nicht gegeben.

„Mach es möglich!“ feuert Dyke seine Leute ebenso unkonventionell an. Unter diesem Namen hat er eine Aktion gegen die BBC-Lethargie gestartet. Brauchte es früher Monate und zahllose Formulare, um eine Pflanze ins Büro zu bekommen, regelt dies heute der neue Fonds relativ schnell auf dem kleinen Dienstweg. Wo sich die Mitarbeiter wohl fühlen, ist mehr Kreativität, ist Dyke sicher.

Eine andere Initiative steht kurz vor dem Start: Für einen Tag kann jeder BBC-Mitarbeiter seinen Job tauschen. TV-Star Jeremy Paxman – der britische Ulrich Wickert – hat angekündigt, er wolle mit der „Tea-Lady“ in der Zentrale Getränke ausschenken. Sollte die Kelly-Affäre die BBC noch stärker belasten, muss vielleicht auch Dyke seinen Job bald tauschen – allerdings für immer.

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