General Electric
Jeffrey Immelt: Der Entzauberte

Jeffrey Immelt wollte General Electric wetterfest für Krisen machen. Aber jetzt stürzt der Weltkonzern an der Börse gewaltig ab. Für den Topmanager mit dem gewinnenden Bill-Clinton-Lächeln wird es immer enger.

NEW YORK. „Die Reputation unseres Unternehmens ist beschädigt, denn wir sind nicht die sichere und zuverlässige Wachstumsfirma, nach der wir streben. Ich übernehme die Verantwortung dafür.“

---

Das ist kein Abschiedsbrief, aber ein bemerkenswertes Eingeständnis an die Aktionäre von General Electric (GE). Es ist das Eingeständnis von Jeffrey Robert Immelt, Amerikas stärkste Konjunkturlok auf ein falsches Gleis geführt zu haben. Die Chance, dass der seit acht Jahren amtierende GE-Vorstandschef die Weichen noch einmal umstellen kann, werden mit jedem Minus-Tag an der Börse geringer:

Das weltgrößte Industrie- und Finanzkonglomerat hat innerhalb von 15 Monaten rund 300 Milliarden Dollar an Börsenwert eingebüßt, so viel wie kein anderer US-Konzern. Gestern stürzte das Schwergewicht des Dow-Jones-Indexes zwischenzeitlich um weitere 13 Prozent ab und erreichte bei 6,07 Dollar einen neuen Tiefstand. Zum Vergleich: Im Jahr 2000, kurz bevor Immelt zum Vorstandschef berufen wurde, war die GE-Aktie noch fast 60 Dollar wert.

Der 1,93-Meter-Hüne, gerade 53 Jahre alt geworden, zieht seit Monaten alle Register, um die zutiefst frustrierten Aktionäre gütig zu stimmen. Erst holt er die Investoren-Legende Warren Buffett ins Boot, um eine Kapitalerhöhung über 15 Milliarden Dollar durchzuboxen. Im Februar lässt er seinen Bonus für 2008 streichen und die Gesamtvergütung im Vergleich zum Vorjahr um fast zwei Drittel absenken. Dann kauft er Aktien der eigenen Firma, um Vertrauen wiederherzustellen.

Aber nichts hilft. Auf Immelts optimistische Prognosen gibt die Finanzgemeinde schon gar nichts mehr. So erklärt sich Immelt in dem Aktionärsbrief zwar für die Misere bei GE verantwortlich, aber nicht ohne anzufügen: „Ich glaube, dass das gegenwärtige Umfeld einzigartige Möglichkeiten bietet.“

Viele Analysten haben den Glauben an die Wachstumsstrategie von GE verloren. Trotz des historischen Einbruchs an der Börse hagelt es auffällig viele Verkaufsempfehlungen, weil die Finanzsparte GE Capital im Zuge der Kreditkrise schwer getroffen ist. Sie brachte dem Mischkonzern in den vergangenen Jahren den Löwenanteil des Gewinnwachstums. Zwar verweist der Konzern darauf, dass GE Capital im Vorjahr noch 8,6 Milliarden Dollar Gewinn abgeliefert habe und auch 2009 profitabel bleiben solle.

Analysten warnen jedoch vor nicht realisierten Verlusten in Milliardenhöhe, weil diverse Vermögenswerte bei GE Capital nicht der Pflicht unterliegen, sie auf den aktuellen Marktwert abzuschreiben. Der Konzern werde weiteres Kapital für GE Capital benötigen und laufe Gefahr, sein Ausnahmerating „AAA“ zu verlieren, warnt Jason Feldman von UBS. Laut Nicholas Heyman von Sterne Agee & Leach muss GE möglicherweise mehr als zehn Milliarden Dollar absorbieren, um steigenden Ausfällen im Kreditkartengeschäft sowie fallenden Preisen im Immobilien-Portfolio zu begegnen. Ein GE-Sprecher sagt der Nachrichtenagentur Bloomberg: Der Konzern habe „aggressive Schritte“ unternommen, um die Kapitalbasis und die Liquidität von GE Capital zu stärken. Damit könne man „den wirtschaftlichen Sturm aushalten“ und sei „gut positioniert für langfristiges Wachstum“.

Doch das Misstrauen gegenüber GE hält an. Es ist an der Börse unmissverständlich abzulesen, aber auch an den zunehmend leisen Auftritten des Vorstandschefs. Begonnen hat Immelt seine Amtszeit 2001 mit einem Bill-Clinton-Lächeln und einer Extraportion Selbstbewusstsein, schließlich musste er in die Fußstapfen des Star-Managers Jack Welch treten: „Wer kleine Brötchen backt, gehört nicht hierher“, sagte er etwa.

Selbstzweifel darf sich der Mann mit der Basketballer-Erscheinung und dem grau melierten Haar nicht leisten, denn GE mit seinen weltweit 300 000 Mitarbeitern ist kein normaler Konzern. In zahlreichen Aktiendepots und Millionen von Rentenplänen stecken Aktien von GE: Halb Amerika setzt darauf, dass das führende Industriekonglomerat seine Erfolgsstory rund um die Welt fortsetzen wird – mit einem Gemischtwarenladen aus Flugzeug- und Windturbinen, Kreditkarten und TV-Shows, Kühlschränken und Mikrowellen. GE ist Amerikas Fels in der Brandung, seit Jack Welch den Börsenwert um mehr als 3 000 Prozent in den Himmel pumpte.

Immelt hat zuletzt mit einer Salamitaktik versucht, die Ansprüche an den Weltkonzern herunterzufahren. Einst hat er der Finanzwelt versprochen, einen Konzern zu bauen, der die wichtigsten Zukunftstechnologien besetzt und alle Wetter aushalten kann. Die Wachstumsraten des weltweiten Bruttoinlandsprodukts sollten Jahr für Jahr um das Zwei- bis Dreifache übertroffen werden, gab er als Ziel aus. Davon ist jetzt keine Rede mehr. „Wir haben das Versagen des globalen Finanzsystems und den anhaltenden Niederschlag auf die Wirtschaft nicht vorausgesehen“, schreibt Immelt nun den Aktionären.

Die aber halten mit ihrem Frust längst nicht mehr hinterm Berg. Der aktuelle Blog des „Wall Street Journals“ ist voll mit Rücktrittsforderungen. Der Druck auf Immelt wird mit jedem Tag größer.

Jeffrey Immelt

1956 Er wird in Cincinnati als Sohn eines Managers von General Electric (GE) geboren. Jeffrey Immelt studiert Mathematik und Ökonomie am Dartmouth College und absolviert den MBA in Harvard.

1982 Seine steile GE-Karriere beginnt mit einem Job in der Kunststoffsparte.

1989 Immelt wird mit 33 Jahren neuer Vizepräsident des Hausgerätebereichs. Neun Jahre später steigt er zum Leiter des Bereichs Medizintechnik auf.

2001 Er übernimmt kurz vor den Terroranschlägen in New York den Spitzenjob bei GE von Managementikone Jack Welch. Auch privat ist Immelt mit dem US-Konzern verbunden: Ehefrau Andrea hat er in der Firma kennengelernt. Sie haben eine gemeinsame Tochter.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%