General Motors
GMs Crashtest-Dummy tritt ab

Monatelang hat Rick Wagoner um seinen Posten gekämpft. Am Ende vergeblich. Einst war der mächtigste Automanager der Welt, zuletzt ein Bittsteller nahe dran, seine würde aufs Spiel zu setzen. Ein Porträt zum Abschied.

MARTIN-W. BUCHENAU | STUTTGART

Die schmalen Augen zusammengekniffen, die Mundwinkel nach unten. Mit diesem ratlosen Gesichtsausdruck war Rick Wagoner zuletzt in der Öffentlichkeit häufiger zu sehen - als hilfloser Bittsteller um Staatshilfen. "Sie haben mich im Verlauf der Sitzung gebeten zurückzutreten. Und das habe ich getan", fasst der GM-Chef sein letztes Treffen mit der US-Regierung trocken zusammen.

Zuletzt konnte der einst mächtigste Autoboss der Welt einfach nichts mehr richtig machen. Flog er mit dem Privatjet zu den Verhandlungen mit der Regierung nach Washington, wurde er anschließend öffentlich gegeißelt. Fuhr er beim nächsten Versuch neun lange Stunden von Detroit mit einem Hybrid-Fahrzeug in die Hauptstadt, gab die Comedy-Show "Saturday Night Live" den Auto-Boss schonungslos vor einem Millionenpublikum der Lächerlichkeit preis. "Sorry für die Verspätung, aber wir hatten eine Autopanne", entschuldigt sich der Wagoner-Imitator.

Die Fehler, die ihn letztendlich den Job kosteten, sind allerdings schon viel früher passiert: Seit acht Jahren an der Spitze von GM, hat er eine ganze Serie von Rekordverlusten ausgesessen, Abschreibungen in zweistelliger Milliardenhöhe als Betriebsunfälle abgetan und den Kurssturz des Dow-Jones-Schwergewichts als Folge der Finanzkrise interpretiert. Wie ein Crashtest-Dummy in einem Werbefilm blieb er unverletzt, schüttelte sich kurz und ging zum nächsten Versuch - ins nächste Geschäftsjahr.

Der 56-Jährige wollte unbedingt im Amt bleiben. Auch das GM-Direktorium stellte sich bislang geschlossen und demonstrativ hinter ihn. Im Nachhinein ist ihm seine Zähigkeit, gepaart mit Sturheit, zum Verhängnis geworden. Erst der neue US-Präsident Barack Obama schaffte es, ihn aus dem Amt zu drängen. Wie Wagoner gestrickt ist, wollte er sich nach seinem Selbstverständnis wohl auch keinem Geringeren beugen.

Marktbeobachter lobten Wagoner für seine Bemühungen, den bürokratischen Konzern flexibler zu machen. Kritiker warfen ihm jedoch vor, dass er die Chance verpasst habe, das Unternehmen mit modernen und effizienteren Automodellen wettbewerbsfähig zu machen.

Besonders bei den Tochtergesellschaften sitzt der Frust tief. Bezeichnend die Reaktion von Opel-Betriebsratschef Klaus Franz. Wagoner habe "für ein zentralistisches Geschäftsmodell gestanden, das mit seiner verfehlten Modellpolitik gescheitert ist", sagte Franz. Branchenexperten zufolge benötigt GM jetzt dringend einen Aufräumer, der Wagoner nie war. Seine Höflichkeit und die guten Manieren seien ihm zur Last geworden, auch weil ihm dadurch die letzte Konsequenz fehlte.

Vielleicht gibt der 1,93-Meter-Mann deshalb auch sein Ziel auf, einmal Basketballprofi zu werden. Stattdessen macht er nach dem Ökonomie-Studium an der Duke University seinen MBA an der Elite-Uni Harvard und beginnt dann bei GM als Analyst in der Finanzabteilung. Dort schafft er es zunächst auf den Posten des Finanzvorstands und später den des Nordamerika-Chefs. Im Sommer 2000 wird er Präsident und Chief Executive Officer (CEO), 2003 erhält er als Chairman die volle Macht bei GM.

Zwar saniert er in den USA pausenlos, allerdings zu langsam und zu weich, um die Kosten den sinkenden Umsätzen anzupassen - eine historische Fehlleistung, längst vor Ausbrechen der Finanzkrise.

Seine Schadensbilanz: fast 80 Milliarden Dollar Verlust, Tendenz steigend. Nach diesem Totalschaden konnte Wagoner unmöglich der Mann für den Neuanfang sein.

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent
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