General Motors
Unter Strom

Der deutsche Ingenieur Frank Weber verantwortet das wichtigste Projekt des US-Konzerns General Motors: Bis 2010 muss er das die Elektroautos Volt marktreif entwickeln - und GM damit zukunftsfest machen.
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DETROIT. Als Deutschland im Fußball-Fieber liegt und die Opel-Bänder in Rüsselsheim und Bochum stillstehen, rennt Frank Weber von einem Meeting ins nächste. Es geht um Lithium-Ionen-Batterien und Rollwiderstand, um Drehmoment und Newtonmeter. Von früh bis spät. Ohne Pause.

Weber interessiert sich nicht für Fußball. Und selbst wenn er es täte, er hätte keine Zeit dafür. Der Ingenieur aus Wiesbaden wurde 2007 nach Detroit befördert, um für General Motors das Elektroauto Volt zur Marktreife zu bringen. Er hat dafür zwei Jahre Zeit. Nur noch zwei Jahre. Bis dahin muss insbesondere das Herzstück des Autos zuverlässig funktionieren, ein 180 Kilogramm schweres Batteriepaket unterhalb von Rücksitzen und Kofferraum. Ansonsten dürfte die Zukunft des Konzerns noch unerfreulicher aussehen als die schon triste Gegenwart.

Die Berufung Webers zum Chef des wichtigsten Programms bei GM gilt zugleich als bisher sichtbarstes Zeichen, dass der US-Konzern verstärkt auf Kompetenzen aus Deutschland stärker zurückgreift. Mehr als ein Dutzend verschiedene Nationen arbeiten in Warren, doch auf den Fluren des GM-Entwicklungszentrums mausert sich Deutsch zur Zweitsprache. Das war lange Zeit anders.

Der sture Blick von der Ost- bis zur Westküste hat Detroits Autoindustrie weit zurückgeworfen. So weit, dass die alte GM-Welt, der Verkauf bulliger Geländewagen und Pick-up-Laster, gerade zusammenfällt wie ein Kartenhaus. Auf die neue Welt ist GM schlecht vorbereitet, von Weber und seinen 250 Ingenieuren abgesehen.

Der Tüftler aus Wiesbaden, der zu Studienzeiten leidenschaftlich Autoraritäten sammelte und reparierte, siedelte vor gut einem Jahr mit Frau und drei Kindern nach Detroit um. Dort hat Weber zunächst überrascht festgestellt, dass man in den USA "sogar als Vegetarier überleben kann". Er kauft konsequent Bionahrung ein, isst kein Fleisch, meidet Alkohol. Amerika beschreibt Weber als Land des radikalen Wandels. "Es gibt Extremsportler und extrem Übergewichtige. Alles ist extremer als in Deutschland." Auf die Autoindustrie übertragen soll das etwa heißen: Wer gestern noch mit dem Pick-up-Truck eine Pizza abgeholt hat, will gleich morgen auf ein Hybridauto umsteigen.

Auch wegen dieses Umbruchs im weltgrößten Automarkt ist ein irres Wettrennen um die Antriebstechnik der Zukunft entbrannt: Toyota und Mitsubishi in Japan, GM und Tesla in den USA, Think in Norwegen - auf allen Kontinenten wird fieberhaft an der Entwicklung des Elektromotors gearbeitet. In Deutschland wollen Daimler und VW auf den Zug springen und bald spritfreie Autos vorzeigen.

"Wer zuerst den Code findet, fährt einen riesigen Wettbewerbsvorteil heraus", glaubt Weber und sieht sich und seine Volt-Ingenieure in der Führungsposition: GM werde der Welt ab 2010 keine "besseren Golfplatzkarren" liefern wie mancher Wettbewerber, sondern einen sportlichen Elektro-Viertürer für den Massenmarkt, unterstützt von einem Verbrennungsmotor für längere Strecken. "Es gibt wenige, die dazu in der Lage sind, außer uns vielleicht noch Toyota und Mercedes."

GM will aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Schon vor zwölf Jahren brachte der Konzern ein Elektroauto namens EV1 auf den Markt, investierte eine Milliarde Dollar - und scheiterte. Die flache Elektroflunder wurde ein Fall fürs Museum. Diesmal will Webers Mannschaft evolutionäre Technologie mit Fahrspaß und massentauglichem Design verbinden. "Haben Sie schon mal ein Elektroauto gefahren? Das ist eine andere Welt", erzählt er mit funkelnden Augen: "Der Motor erzeugt aus dem Stand so viel Kraft wie ein Drei-Liter-Sechszylinder, und das ohne ein Geräusch."

In einer Mischung aus Begeisterung und Hektik huscht Weber durch das Designstudio und zeigt stolz das bisher Erreichte. Die Formgebung des Volt, dessen endgültiges Design in Kürze "eingefroren" werden soll, ist zwar nicht mehr so rasant wie das 2007 vorgestellte Konzeptauto, aber noch immer betont sportlich. Mit Ausnahme der Bedienkonsole im Mittelraum, die sich mit ihrem weißen Anstrich an das iPod-Design von Apple anlehnt, deutet wenig auf eine neue Autogeneration hin. Der Kunde solle sich "nicht wie in einem Raumschiff" fühlen, sagt Volt-Designchef Bob Boniface. "Wir müssen den Übergang zum elektrischen Antrieb so leicht wie möglich machen", betont Weber - und rennt ins nächste Meeting.

Es geht um alles oder nichts, fast wie in der Finalrunde der Fußball-EM: Gewinnt Weber das Rennen gegen Zeit und Technik, ist dem 42-Jährigen der nächste Aufstieg im US-Traditionskonzern gewiss. Dann könnte aus dem Volt werden, was sich GM-Produktionschef Bob Lutz (76) zum Ende seiner Karriere so sehnlich wünscht: "der erste weltweite Exportschlager seit dem Model T von Ford". Gewinnt die Konkurrenz aus Japan und Europa, droht auch der Volt ins Museum zu rollen - direkt neben den EV1.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland

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