Gerd Brachmann
Aldis Bruder im Geiste

Gerd Brachmann, Chef des Elektronikhändlers Medion, ist ebenso öffentlichkeitsscheu wie seine besten Kunden: die Aldi-Brüder. Im Stillen hat er sein Unternehmen saniert - und will es jetzt mit Apple aufnehmen.
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Es gibt Firmenzentralen, die wirken auf Besucher deutlich einladender als diese. Mannshohe Mauern umschließen das ehemalige Kasernengelände im Osten Essens, auf dem der Elektronikhändler Medion seinen Sitz hat; auf den dicken Steinen ringelt sich Stacheldraht. Der Mann vom Sicherheitsdienst am Eingang gibt sich ähnlich verschlossen. Selbst die harmlose Frage, ob Medion das gesamte Gelände belegt, bügelt er ab: „Dazu darf ich nichts sagen.“

Wer sich nach Medion und dessen Chef Gerd Brachmann erkundigt, bekommt diese Antwort häufig zu hören. Brachmann ist Gründer, Chef und Hauptaktionär in einer Person – und ebenso öffentlichkeitsscheu wie seine besten Kunden, die Aldi-Brüder. Wenn er offiziell auftritt, was ohnehin selten vorkommt, müssen Fotografen draußen bleiben; in den Archiven findet sich kein einziges Bild von ihm. Einer der wenigen, die ihn kennen und bereit sind, davon zu berichten, charakterisiert ihn als Familienmenschen, bescheiden und unkompliziert.

Gestern war es mal wieder so weit, Brachmann stellte sich in der Essener Firmenzentrale zur Bilanzpressekonferenz den Journalisten . Ein wenig stockend liest der 48-Jährige mit den vollen, dunklen Haaren und dem gestutzten Schnurrbart seinen Text vom Blatt ab. Nach knapp fünf Minuten übergibt er dankbar an seinen Finanzvorstand Christian Eigen. Dabei hätte Brachmann eigentlich Grund, etwas entspannter zu sein.

Als er vor einem Jahr an derselben Stelle Platz nahm, hatte er wenig Gutes zu verkünden. Das Unternehmen, noch wenige Jahre zuvor die Nummer zwei auf dem deutschen Computermarkt, schrieb erstmals in seiner Geschichte Verluste. Der Umsatz war seit 2003 auf fast die Hälfte geschrumpft. Beim Discounter Aldi, der Medion durch die Aufnahme in sein Sortiment erst groß gemacht hatte, wanderten immer weniger Computer, Fernseher und Drucker über das Laufband. Die katastrophalen Zahlen drückten den Aktienkurs; er sank unter zehn Euro – zu besseren Zeiten waren es noch 65 Euro. Das Unternehmen schien im freien Fall, und selbst die Insolvenz schien möglich.

Gestern konnte Brachmann Entwarnung geben: Das Schlimmste ist durchgestanden, Medion hat im vergangenen Jahr gut drei Prozent mehr umgesetzt als im Seuchenjahr 2006. Und das Unternehmen verdient wieder Geld, auch wenn die Marge vor Steuern und Zinsen mit 1,7 Prozent noch recht spärlich ausfällt. Das reiche, wie es ein Analyst formuliert, für die Versetzung. Für eine gute Note müsse Brachmann aber noch nachlegen.

Um sein Unternehmen aus dem Jammertal herauszuführen, setzt Brachmann auf ein Rezept, das er bestens beherrscht: sparen, sparen und nochmals sparen. Etwas anderes bleibt ihm auch gar nicht übrig, denn die Preise seiner wichtigsten Produkte sind im vergangenen Jahr im Durchschnitt um mehr als zehn Prozent gefallen.

Das Unternehmen, das stark auf Niedrigpreise als Verkaufsargument setzt, senkte seine eigenen Kosten deutlich. Im vergangenen Jahr mussten weitere Mitarbeiter gehen. Heute beschäftigt Medion mit 1140 Menschen knapp ein Drittel weniger als zu seinen besten Zeiten. Zudem hat Brachmann seinen Zulieferern weitere Zugeständnisse abgetrotzt.

Brachmann belässt es aber nicht beim Sparen. Er investiert fast 20 Millionen Euro zusätzlich in das Design seiner Produkte und in Werbung: Mittlerweile prangt das Logo etwa in Fußballstadien an den Banden.

Medion soll schicker werden und vom reinen Billigimage wegkommen. Dadurch, sagt Gregor Harter von der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton, könne Medion die Marge steigern – wenn auch nur in „homöopathischen Dosen“. Denn die Konkurrenz aus der Elektronikbranche verfolge ganz ähnliche Strategien.

Bei dem Thema taut Brachmann bei der Pressekonferenz auf: „Wir sind bislang eher ein VW, ein wenig Audi kann uns nicht schaden“, sagt er. Medion soll es bei Design und Technik mit den Großen der Branche, den Hewlett-Packards und Sonys, aufnehmen. Und vielleicht sogar irgendwann vom Innovationsthron stoßen. „Das schaffen wir noch“, sagt Brachmann und grinst.

Der Firmenchef hat sich auch nach neuen Geschäftsfeldern umgesehen, in denen die Margen nicht ganz so schmächtig sind wie bei den Computern. Medion bietet inzwischen einen ganzen Bauchladen an Diensten an: Handykarten, Computerspiele, Fotos und Internetläden für Musik und Filme. Sie tragen 10 bis 15 Prozent zum Umsatz bei, in zwei Jahren sollen es schon 20 sein.

Brachmann ist nicht gerade der Erste, der auf die Idee kam, derartige Produkte anzubieten; der Bekannteste ist er auch nicht. „Solange die Märkte noch wachsen, kann man dort aber durchaus Geld verdienen“, sagt Christoph Schlienkamp, Analyst des Bankhauses Lampe. Zumal sich Brachmann geschickt die Bälle selbst zuspielt: Auf vielen Medion-Rechnern ist bereits ein Programm installiert, mit dem sich die Kunden Musik aus dem firmeneigenen Musikshop herunterladen können.

In diesem Jahr will Brachmann nachlegen: Der Umsatz soll um drei bis fünf Prozent steigen und die operative Ebit-Marge um mindestens zwei Prozent. Das ist zwar noch nicht einmal die Hälfte dessen, was Medion zu seinen besten Zeiten verdiente. Aber immerhin.

Till Hoppe
Till Hoppe
Handelsblatt / Europa - Korrespondent in Brüssel

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